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Ob wir schlafen oder wachen…

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium vom 16. Juni 2024

16.06.2024
© Erzdiözese Wien/ Schönlaub, Stephan Schönlaub
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Bekannt ist das Wort aus der Bibel aus Psalm 127: „Denn Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“. Was für ein Wunder ist der Schlaf! Ein Geschenk des Himmels! Und zugleich für viele eine Not, wenn er ausbleibt und einfach nicht kommen will. Ich habe selber vor Jahren Zeiten schwerer Schlafstörung erlebt. Es ist qualvoll, nicht einschlafen zu können. Endlich kommt der Schlaf. Doch bald schon wacht man wieder auf und weiß, dass es für den Rest der Nacht mit dem Schlaf vorbei ist. Wenn ich heute, viel seltener, nicht recht schlafen kann, denke ich an die vielen, denen Sorgen oder Krankheit den Schlaf rauben. Jeden Abend bete ich, wenn ich nicht vorher schon einschlafe, das schöne Nachtgebet der Kirche: „Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Trotzdem gelingt es mir nicht immer, alle Sorgen loszulassen, sie einfach in Gottes Hand zu legen, sodass ich wie ein Kind einschlafen kann.

 

Schlafen heißt loslassen, alles aus der Hand geben. Mir hilft ein schlichter Gedanke: Der Schlaf macht uns alle gleich. Ob Bundespräsident oder Schulkind, ob Kardinal oder Taxifahrer, als Schlafende sind wir wehrlos und ausgeliefert, einfach nur ein Menschenkind, das schläft wie alle anderen. Wie wunderbar ist es, ausgeschlafen aufzuwachen, wie schmerzlich, wenn die Sorgen wieder alle mit aufwachen!

 

Jesus spricht im heutigen Evangelium vom Schlafen und Wachen. Bietet er uns Schlafgestörten eine Hilfe an? Er spricht vom Sämann, der Samen in den Acker sät. Hat er das getan, so kann er nur warten und sich in Geduld üben, denn die Saat keimt, ob er schläft oder wacht. Sie wächst, „der Mann weiß nicht, wie“. „Die Erde bringt von selbst ihre Frucht“. Im Griechischen steht hier das Wort, das wir auch auf Deutsch gebrauchen: „automatisch“, das heißt aus eigener Kraft und Bewegung. Ob und wie sie wächst, das liegt nicht in der Hand des Landwirts. Er kann versuchen das Wachstum durch Bewässern zu fördern, machen kann er es nicht.

 

Die Saat und der Schlaf haben das gemeinsam: Wir müssen loslassen! Vielleicht haben manche Schlafstörungen auch damit zu tun, dass wir meinen, alles selber in der Hand haben zu müssen. Wie finden wir das rechte Maß zwischen eigener Verantwortung und Vertrauen, dass Gott alles gut fügt? Eine Erfahrung hilft mir immer wieder. Als Bischof gehört das Spenden der Firmung zu meinen schönen Aufgaben. Ich komme mir dabei vor wie der Sämann im Gleichnis Jesu. Das Sakrament der Firmung ist wie eine Aussaat. Meist sind es junge Menschen, die es empfangen. Immer bewegt mich der Gedanke: Was wird aus ihrem Leben? Was erwartet sie? Sie empfangen „die Gaben des Heiligen Geistes“, die Kraft von oben. Ich vertraue fest darauf, dass dieser Samen, einmal in ihr Herz gesät, wachsen wird, Frucht bringt. Ich habe es nicht in der Hand. Ich lege es in Gottes gute Hände.

Das ist auch der Grund, warum ich so zuversichtlich bin, dass das „Reich Gottes“, von dem Jesus so oft spricht, in dieser Welt wächst. Viele meinen, die Kirche sei hoffnungslos veraltet, verschlafen, sie sterbe einfach ab. Es stimmt: Vieles ändert sich an ihr. Fehler und Versagen kommen ans Licht. Doch die Saat des Evangeliums wird immer neu ausgesät. In aller Stille keimt neues Leben. Nicht aus unserem Organisationstalent, aus allen möglichen Reformen kommt die Erneuerung. Gottes Aussaat wächst aus eigener Kraft, ob wir schlafen oder wachen.

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