Ein Satz im heutigen Evangelium hat meine Aufmerksamkeit besonders geweckt: „Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.“ Verständlich, dass die Leute Jesus deswegen auslachen, denn vor ihnen liegt ein zwölfjähriges Mädchen auf seinem Bett. Es ist offensichtlich tot: Die Menschen klagen und weinen laut. Das überraschende Wort Jesu steht nicht alleine. Als sein Freund Lazarus schwer erkrankte und schließlich starb, sagte Jesus: „Unser Freund Lazarus schläft.“ Seine Jünger verstehen das vom natürlichen Schlaf. Ist der Tod eine Art Schlaf, aus dem wir einmal aufwachen werden? Was meinen wir, wenn wir vom Gestorbensein sprechen? Kinder überraschen uns immer wieder, wenn sie an den Tod denken. Der vierjährige Sohn von Freunden sagte neulich zu seiner Mutter: „Wenn wir alle unter der Erde sein werden, dann werden wir alle zusammen sein.“ Kindliche Vorstellung? Sie ist gar nicht so weit entfernt von dem, was in allen Kulturen und Religionen an Bildern und Mythen über das Jenseits zu finden ist.
Das Wort Jesu hat mich angeregt, über unseren Sprachgebrauch nachzudenken. Wo sind unsere Toten? Am Friedhof! Beim Begräbnis wird dem Verstorbenen meist der Wunsch zugesprochen: „Ruhe in Frieden!“ Die Verstorbenen gelten als die „Entschlafenen“. Die Bestattung kümmert sich um die „Beisetzung“. In der griechischen Mythologie sind Schlaf und Tod zwei Götter, die Brüder sind. Robert Schneider, der regelmäßig in dieser Zeitung zu lesen ist, hat seinem berühmten Roman den Titel gegeben: „Schlafes Bruder“.
Der Tod – Bruder des Schlafes? Wenn der Tod (nur) ein Schlaf ist, dann werden wir wohl alle einmal aus diesem Schlaf aufwachen. Genau das ist die biblische Vorstellung. Von ihr geht auch Jesus aus. Auf die Nachricht, dass Lazarus gestorben ist, sagt Jesus: „Ich gehe, um ihn aufzuwecken.“ Vor dem Bett stehend, auf dem das tote Mädchen liegt, fasst Jesus die Hand des Kindes und sagt (in seiner Muttersprache Aramäisch): „Talita kum!“ Mädchen, steh auf! Das Wunder, das nun geschieht, wird zu Recht „Auferweckung“ einer Toten genannt. Drei Totenerweckungen werden von Jesus berichtet, die beiden ebengenannten und die des Sohnes einer Witwe in Nain.
Durch die ganze Kirchengeschichte hindurch finden wir Berichte von solchen Auferweckungen. Doch was bedeuten sie im Vergleich zu den zahlreichen Todesfällen, die Tag für Tag geschehen? Das Rätsel des Todes ist damit kaum gelöst. Gibt es überhaupt eine Antwort auf die allgegenwärtige, harte, unausweichliche Tatsache des Todes? Im heutigen Sonntagsgottesdienst wird ein Abschnitt aus dem Buch der Weisheit gelesen, in dem klipp und klar steht: „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen.“ Darf ich das so deuten: Gott ist ein Gott des Lebens? Jesus hat es nachdrücklich gesagt: „Er ist nicht der Gott von Toten, sondern von Lebenden.“ Also kann der Tod nicht endgültig sein. Daher das Bild vom Schlaf. Wir nennen die Toten (etwas altertümlich, aber zutreffend) die Entschlafenen. Dass aber Jesus ein Freund des Lebens ist, zeigt seine rührende, ganz praktische Aufmerksamkeit für das Mädchen, das er eben vom Tod auferweckt hat: „Dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.“