Ein Blick in unsere Supermärkte gibt den Eindruck von Überfluss, ja von Maßlosigkeit. Alles ist reichlich vorhanden, über die Maßen. Die kleine „Gemischtwarenhandlung“, der Greißlerladen meiner Jugend ist eine ferne Erinnerung. Das Angebot war sehr überschaubar, kein Überfluss, nur das Nötigste. Wir haben uns an das Überangebot gewöhnt, das uns in den Supermärkten entgegenlacht. Doch können sich immer mehr Menschen nur sehr zurückhaltend an den reich gefüllten Regalen bedienen. Der Mangel liegt nicht am Angebot, sondern auf Seiten derer, die sich vieles nicht mehr leisten können.
Überfluss und Mangel klaffen immer mehr auseinander. Erfreulich ist, dass viele Supermärkte ihren Überfluss mit den Ärmsten teilen, statt ihn in den Müll zu geben. Es gibt schöne Beispiele, wie dadurch Bedürftige, Armutsbetroffene, zu Lebensmitteln kommen, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Der „Grundwasserspiegel“ der Mitmenschlichkeit ist in unserem Land immer noch hoch. Er soll auch in Zukunft nicht absinken! Diese Hoffnung erfüllt mich, wenn ich das heutige Evangelium lese. Es spricht von Überfluss und Mangel, nur dreht sich die Reihenfolge um: Aus großem Mangel wird ein überreicher Überfluss, nicht nur damals, sondern bis heute.
Eine große Menschenmenge folgt Jesus. Der Evangelist Johannes, ein Augenzeuge, gibt recht nüchtern den Grund dafür an: Weil die Menschen „die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat“. Da ist einer, der die Kranken gesund machen kann. Kein Wunder, dass die Menschen ihm in Scharen nachlaufen. Jesus stellt den Jüngern die ganz praktische Frage: „Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?“ Jesus sorgt sich um den ganzen Menschen, Seele und Leib, geistliche und leibliche Nahrung. Doch der Mangel ist spürbar. Die Jünger Jesu haben kaum Geld, und wenn sie es hätten, wo in einer so abgelegenen Gegend Brot für fünftausend Menschen finden?
Rührend ist der kleine Bub, den Andreas ausfindig macht. Er hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. „Doch was ist das für so viele?“ Für Jesus reicht dieser äußerste Mangel, um alle im Überfluss zu sättigen. Zwölf Körbe füllen die Jünger Jesu mit den Resten, „die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren“.
Das unfassbare Wunder, das aus dem wenigen Brot die reichliche Sättigung von tausenden Menschen wurde, ist ein Höhepunkt im Wirken Jesu. Es ist zugleich der Wendepunkt. Von diesem Zeitpunkt an kommt die Sendung Jesu in eine Krise, die schließlich zu seinem gewaltsamen Tod führen wird. Die Begeisterung der Menge über Jesu Wunder gerät zur wachsenden Enttäuschung über ihn. Die Menschen sehen in Jesus den, „der kommen soll“, den ersehnten Messias-König, der das Ende aller Not bringen soll. Jesus durchschaut die Zwiespältigkeit dieser Erwartung. Er entzieht sich ihnen in die Einsamkeit des Berges.
Am folgenden Tag spricht er in der Synagoge von Kapharnaum von einem anderen Brot, das er geben wird und das er selber ist. Diese Worte gehören zum Tiefsten, was Jesus gesagt hat. Sie hatten aber auch zur Folge, dass sich viele von ihm abgewandt haben. An den nächsten drei Sonntagen werden sie Inhalt unserer Betrachtung sein. Jesus wird von dem geheimnisvollen Brot sprechen, das er bis heute im Überfluss schenkt, und das wie kein anderes Brot unserem Mangel abhilft: vom Brot, das sein eigener Leib ist, er selber.