Die Fragen nach rein und unrein bestimmen immer mehr unseren Alltag. Im Leben der gläubigen Juden spielen sie eine ganz zentrale Rolle. Im Buch Levitikus des Alten Testaments sind die Reinheits- und Reinigungsgesetze genau festgelegt. Sie wurden durch die gesetzlichen Überlieferungen noch viel genauer ausgeführt. „Kaschrut“, die „koscheren“ Speiseregeln betreffen die Zubereitung, die Lagerung, den Genuss von Lebensmitteln und die Regeln für die Schlachtung von für das Essen bestimmten Tieren. Die koschere Praxis betrifft freilich nur einen kleinen Teil unserer Gesellschaft. Mit den islamischen Essensvorschriften, mit der Frage nach halal und haram, erlaubt und verboten von Lebensmitteln und Speisegeboten, sind wir in einem Bereich, der inzwischen einen immer größeren gesellschaftlichen Einfluss gewinnt. In seinem neuen Buch „Was ist los in unseren Schulen?“ macht Christian Klar deutlich, wie in Teilen unserer Gesellschaft diese Fragen zur großen Herausforderung werden. Als Lehrer und Direktor einer Brennpunkt-Mittelschule spricht er offen an, wie der Schulalltag dort aussieht, wo Kinder gemobbt werden, weil sie nicht die islamischen Fastenregeln einhalten.
Konflikte über rein und unrein sind nicht neu. Sie können eskalieren bis hin zu Todesdrohungen. So ist es Jesus ergangen, wie das heutige Evangelium zeigt. Täuschen wir uns nicht. Die Situation sieht harmlos aus. Einige Schriftgelehrte merken, dass einige Jünger Jesu ihr Brot mit ungewaschenen Händen essen. Was ist daran so schlimm, außer dass es nicht sehr hygienisch ist? Doch da spielt auch die Religion herein: Sie essen ihr Brot mit unreinen Händen. Sie haben also nicht die rituelle, vorgeschriebene Waschung der Hände vorgenommen. Sie begehen damit einen Verstoß gegen die Religion. Bedenken wir zudem: Die Kritik kommt von Religionswächtern, die eigens den weiten Weg aus Jerusalem auf sich genommen haben, nicht aus Liebe zu Jesus, aus Sympathie für ihn, sondern als „Inspektoren“, die einen schweren Verdacht gegen ihn hegen: Sie suchen nach Beweisen, dass Jesus ein Gesetzesbrecher ist. Im Klartext: Sie suchen einen Grund, ihn anzuklagen und zu verurteilen. Sie werden es schaffen! In einigen Monaten wird es soweit sein: Sie werden ihn als Gotteslästerer zum Tod verurteilen.
Das klingt durchaus aktuell: In mehreren Ländern sind Christen wegen Blasphemievorwurf von der Todesstrafe bedroht. „Rein und unrein“ war damals und ist heute in einem radikalisierten Religionsverständnis ein lebensgefährliches Thema. Jesus lässt sich von seinem Weg nicht abbringen. Einem an Äußerlichkeiten hängenden Religionsverständnis hält er entgegen, worauf es wirklich ankommt: „Was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferungen von Menschen.“ Das muss seine Gegner hart treffen, für die die Religion vor allem im Einhalten von äußerlichen Regeln besteht. Für Jesus kommt es aufs Herz an und nicht auf die Riten. Nicht was in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein: „Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein.“ Denn „von innen, aus den Herzen der Menschen kommen die bösen Gedanken.“ Man braucht nur die lange Liste zu lesen, die Jesus anführt: „All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.“
Religiöse Intoleranz, gegenseitiges Schlechtmachen, fanatisches Durchsetzenwollen der eigenen Ansicht – all das bleibt am Äußerlichen hängen. Was nützen alle religiösen und sonstigen Waschungen, wenn das Herz weit weg ist von Gottes Liebe?