Zu den unangenehmen Erinnerungen meines Lebens gehören die Fakultätssitzungen an der (ausländischen) Universität, an der ich 16 Jahre lang Professor war, ehe ich von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof von Wien ernannt wurde. Ich bin sicher, beziehungsweise hoffe ich, dass diese Erfahrung nicht typisch ist für theologische Fakultäten im Allgemeinen. Bei uns wurde damals, es ist schon lange her, furchtbar viel gestritten. Richtungskämpfe zwischen „konservativ“ und „fortschrittlich“, Intrigen und Rivalitäten prägten den Alltag dieser katholischen Einrichtung. Ein schwacher Trost: Schon unter den zwölf Aposteln gab es das! „Sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gestritten, wer der Größte sei.“
Um nicht allzu sehr an den Konflikten unter uns Professoren zu leiden, hatte ich mir eine hilfreiche Idee zurechtgelegt. Ich glaube, sie ist gut allgemein anwendbar. Ich stellte mir einfach vor, mich und meine Kolleginnen und Kollegen als die Kinder zu sehen, die wir alle einmal waren. Statt im Sitzungssaal der Universität sah ich uns alle im Kindergarten. Warum hilft mir bis heute diese Vorstellung, wenn es unter uns Erwachsenen so zugeht wie schon zur Zeit der Apostel? Auch Kinder streiten. Auch sie nehmen sich gegenseitig ihr Spielzeug weg, verteidigen das ihre, manchmal recht handgreiflich. Was ist der Unterschied zu uns Erwachsenen? Bei den Kindern ist es kindlich, bei uns ist es kindisch. Kinder können sich nicht verstellen. Wir haben es gelernt, unsere Kindereien heuchlerisch zu „behübschen“. Kinder kennen noch keine Intrigen. Sie sind direkt, offen und ehrlich.
Jesus hat in Konfliktsituationen den Ausweg gezeigt: „Er stellte ein Kind in ihre Mitte.“ Das hat er offensichtlich öfters getan, wenn wieder einmal Rangstreitereien zwischen seinen Jüngern ausbrachen. Worum geht es in all dem Gerangel um den ersten Platz, die besten Noten, die höchsten Umfragewerte? Im Sport ist das verständlich. Es geht ja wirklich um den ersten Platz. In der Politik ebenso, besonders im Wahlkampf. Im Berufsleben ist es nicht viel anders. Wenn viele sich um eine Stelle bewerben, suchen sie, vor allen anderen Kandidaten genommen zu werden. So ist das Leben. Ist die Regel Jesu nicht etwas lebensfremd? „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ Kann man nach dieser Regel im Leben vorankommen? Vielleicht ins ewige Leben. Noch leben wir auf Erden, und da herrschen andere Gesetze. Auch ich musste mich anstrengen, damals an der Universität den Lehrstuhl zu bekommen, untern den Bewerbern den ersten Platz zu erreichen.
Was also meint Jesus, wenn er vom letzten Platz spricht? „Diener aller“ werden, wie soll das lebbar sein? Jesus verweist immer neu auf die Kinder: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen. Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.“ Und anderswo: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!“ Ich sehe Jesu häufigen Hinweis auf die Kinder als eine ständige Einladung, die Wertigkeiten im Leben neu zu setzen. Wie viele unserer Erwachsenenspiele sind, im Blick auf ein Kind, kindisch! Kinder kennen keine Seitenblicke. Sie sind geradeheraus. Durch sie lädt uns Jesus ein, umzukehren und wie die Kinder zu werden. Es täte uns allen so gut!