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Wichtig und wesentlich

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am 3. November 2024

03.11.2024
© https://de.wikipedia.org/wiki/Teresa_von_%C3%81vila#/media/Datei:Peter_Paul_Rubens_138.jpg
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Ich erinnere mich an ein Wort, das mein Vater öfters sagte: „Du musst unterscheiden zwischen wichtig und wesentlich.“ Das hat mir oft geholfen. Es gibt so vieles, das wichtig ist und sich deshalb in den Vordergrund drängt. Dinge, die zu erledigen sind, Begegnungen, die notwendig erscheinen, Termine, die unbedingt wahrgenommen werden müssen etc. Nicht alles Wichtige ist auch wesentlich. Das zeigt sich im Notfall, in dem das Meiste wegfallen kann, ja muss, und es nur mehr um das eine Wesentliche geht, das jetzt im Mittelpunkt steht.

 

Um was geht es im Wesentlichen? Das ist die ehrliche Frage eines Schriftgelehrten, der den Streitgesprächen Jesu mit seinen Gegnern zugehört hat. Der Evangelist Markus sagt von ihm: „Da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?“ Er fragt Jesus nicht, wie andere es tun, um ihm eine Falle zu stellen. Ihm geht es wirklich ums Wesentliche, um das, worauf es im Letzten und Entscheidenden ankommt. Seine Haltung beeindruckt mich. Nur so kommt ein echtes, gutes Gespräch zustande, wenn gegenseitiges Wohlwollen und gemeinsames Suchen das Klima der Begegnung bestimmen.

 

In seiner Antwort ist Jesus gleich beim Wesentlichen. Vieles mag wichtig sein, aber nur eines ist entscheidend: Es kommt auf die Liebe an. Dem Schriftgelehrten sagt Jesus nichts Neues. Er nennt ihm das Schlüsselwort des Alten Testaments, das heute noch zum täglichen Gebet im Judentum gehört: das „Schma Israel“ - „Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.“ Ihn mit allen deinen Kräften zu lieben, und deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst, das ist das Wesentlichste aller Gebote: „Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“

 

Das Wesentliche ist immer ganz einfach und zugleich schwerer als das viele Wichtige, weil wir es eben leider für wichtiger halten als das Wesentliche. Deshalb gibt es auch so viele Fragen, Zweifel, Konflikte um die Liebe. Kann Liebe überhaupt ein Gebot sein? Wenn Liebe ein Gefühl ist, kann sie doch nicht geboten sein. Gefühle stehen nicht in unserer Macht, sie kommen und gehen. Liebe ist aber wesentlich mehr als ein Gefühl. Die Italiener sagen einander, wenn sie sich lieben: „Ti voglio bene!“ Wörtlich: „Ich will dir gut!“ Wollen ist etwas Bewusstes, bei dem auch der Verstand seinen Platz hat. Das gegenseitige Wohlwollen macht das Wesen der Liebe aus, so wichtig auch die Gefühle sind.

 

Was aber bedeutet es, Gott so zu lieben, wie es die Bibel fordert? „Mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allen deinen Gedanken und all deiner Kraft“ – wie soll das möglich sein? Kein Mensch ist dazu in der Lage. Meine Gedanken und Kräfte muss ich auf so viel Wichtiges konzentrieren, ich kann sie unmöglich ganz nur Gott widmen. Mein Herz hängt zudem an Vielem, was mir wichtig ist, auch an den Menschen, die in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen. Mir hilft da ein Wort der großen spanischen Mystikerin, der heiligen Teresa von Avila (1515-1582): „Das schönste Merkmal, dass wir das Gebot der Liebe erfüllen, ist die Liebe zum Nächsten. Denn ob wir Gott lieben, kann man nicht wissen, aber ob wir den Nächsten lieben, das merkt man.“ Teresa von Avila war eine starke Frau, sehr praktisch und zugleich tief geistig. Sie weist darauf hin, dass das Wesentliche uns ganz nahe ist, mitten im Alltag, oft verborgen unter all dem vielen Wichtigen. In der praktischen, geduldigen Liebe zum Nächsten finden wir das Wesentliche.

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