Vom Weihnachtsfrieden ist auf Erden wenig zu spüren. „Bald ist der Wahnsinn vorbei“, sagt mir eben am Telefon eine Mutter, völlig gestresst vom Wirbel der Weihnachtsvorbereitungen. Mir geht es ähnlich. Kaum eine Zeit des Jahres ist so hektisch und anstrengend wie die angeblich besinnliche und stillste Zeit des Jahres. Ich habe den Eindruck, es wird eher schlimmer als besser. Nie habe ich in all den 33 Jahren, die ich in Wien leben darf, so viel vorweihnachtlichen Rummel erlebt wie heuer. Dichtes Gedränge, Scharen von Menschen auf all den vielen Advent- und Christkindlmärkten unserer Stadt. Immerhin: Die Medien melden, dass das Weihnachtsgeschäft besonders gut läuft.
Jedes Jahr bin ich von neuem überrascht, wie sich schon am Tag nach Weihnachten eine große Stille ausbreitet, fast eine Leere, wie eben nach einem gewesenen Fest. Ist das dann der Weihnachtsfrieden, wenn „der Wahnsinn“ vorbei ist und wieder ein normales Leben möglich wird?
„Friede auf Erden …“ – wenigstens zu Weihnachten? Werden die Waffen wenigstens in den Tagen schweigen, in denen die Geburt Jesu, des Friedenskönigs, gefeiert wird? In der Ukraine, im Nahen Osten, im Sudan, im Kongo und an all den Orten, wo das Wort „Frieden“ zum Fremdwort geworden ist? Wann wird dieser Wahnsinn vorbei sein? Und wird es heuer im Kreis der Familien gelingen, in einem echten Frieden miteinander zu feiern? Oder singen die Engel, die die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem hörten, nur im Himmel von Frieden auf Erden, überlassen aber diese arme Erde ihrem Unfrieden?
Zu meinen zahlreichen vorweihnachtlichen Terminen gehört jedes Jahr, heuer zum 29. Mal, der Besuch im Gefängnis des „Grauen Hauses“, des Landesgerichts in Wien. Ich feiere mit Insassen und Wachpersonal einen weihnachtlichen Gottesdienst. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre. Wir singen Weihnachtslieder, hören die Worte der Weihnachtsbotschaft der Bibel von dem Kind, das arm in einem Stall geboren, in Windeln gewickelt, in einer Futterkrippe gelegt wurde, weil in der Herberge kein Platz für Mutter und Kind war. Wir hören von den Hirten, denen eine große Freude verkündet wird, dass dieses Kind der Retter ist, der Heiland, der Herr.
Keiner der Gefangenen ist freiwillig hier. Alle haben sich irgendwie schuldig gemacht. Weihnachten ist für sie ein schwieriges Fest. Und wohl auch für manche, denen sie Böses zugefügt haben. Am Schluss wird jedes Jahr das „Stille Nacht“ gesungen. Und jedes Jahr habe ich das Empfinden: Jetzt ist es Weihnachten! Jetzt ist er spürbar, der Friede auf Erden. Wir alle haben Wunden, tragen unseren Teil an Schuld und Leid. Für uns alle ist dieses Kind geboren. Bei ihm können wir den ersehnten Frieden finden.