Wer schafft alles das, was Jesus seinen Zuhörern zumutet? Legt er die Latte nicht einfach viel zu hoch? Wer stemmt dieses ganze Programm? Wenn das alles zum Christsein gehört, wundert es mich nicht, dass man so selten von jemandem sagt: Der ist ein echter Christ! Das berühmte Hinhalten der anderen Backe, wenn man ins Gesicht geschlagen wird, wer schafft das? Leih dein Geld, ohne es zurückzufordern! Richtet nicht! Verurteilt nicht! Und der Gipfel von allem: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch bekämpfen!“
Vielleicht schafft es der eine oder andere, den einen oder anderen Punkt dieses Programms zu verwirklichen. Menschlich gesehen ist das ganze Programm eine riesige Überforderung. Nach Immanuel Kant (1724-1804) sollen wir so handeln, dass unser Handeln „ein allgemeines Gesetz“ werden kann. Wollte man die Weisungen Jesu zum „allgemeinen Gesetz“ erheben, dann wäre damit kein Staat zu machen. Dann dürfte es keine Richter geben, die Recht sprechen und Rechtsbrecher verurteilen. Dann dürfte es keine Banken geben, die gegen Zinsen Kredite verleihen. Die Ukraine dürfte sich dann nicht mit Waffengewalt gegen einen bewaffneten Überfall durch Russland wehren. Sollen Kinder nicht mehr Selbstverteidigung lernen dürfen? Müssen Frauen, die geschlagen werden, das einfach ertragen, ja noch die andere Wange hinhalten? Und der Gipfel von allem: Sollen wir denen Gutes tun, die uns hassen, berauben, betrügen?
Ratlos stehen wir, wenn wir ehrlich sind, vor dem, was der Kern der Botschaft Jesu ist. Wenn du, Jesus, das alles von mir forderst, um dein Jünger zu sein, dann wundere dich nicht, dass sich zwar viele Christen nennen, aber nur wenige es sind! Doch da liegt auch der springende Punkt. Du hast nicht einen unmöglichen Forderungskatalog aufgestellt und die anderen darauf verpflichtet. Dein Programm hast du nicht zuerst für andere verkündet. Du hast es allen voran selber gelebt. Jeden Satz deines Programms können wir umformulieren als Aussage über dich und dein Leben.
Die Latte, die Jesus legt, ist nicht höher als das, was er selber gelebt hat. Er hat wirklich seine Feinde geliebt. Er hat gesegnet, wo man ihm geflucht hat. Er hat für die gebetet, die ihn am Kreuz umgebracht haben: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er hat nicht nur selber vorgelebt, was er anderen empfohlen hat. Er begründet sein Verhalten mit dem Verhalten Gottes: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Richtet daher nicht über die anderen, dann wird auch Gott nicht über euch richten, obwohl ihr dafür genügend Anlass bietet. Vergebt einander, dann wird auch Gott euch vergeben.
Es stimmt schon, was Kant sagt: Was Jesus von seinen Jüngern erwartet, kann der Staat nicht zum allgemeinen Gesetz erheben. Es braucht Richter und Strafen, gerade zum Schutz der Schwachen. Doch wie anders sieht unser Zusammenleben aus, wenn wir wenigstens versuchen, die hohe Latte Jesu zu erreichen: Lieben statt Hassen, Verzeihen, Barmherzigkeit und Mitgefühl. Da sieht die Welt schon anders aus.