Ich erinnere mich an die Frage eines Journalisten an eine Muslima: „Stört es Sie nicht, dass in Österreich so viele Kreuze sind?“ Ihre Antwort hat mich beeindruckt: „Nein! Es tut gut zu wissen, dass es in diesem Land Menschen gibt, die an Gott glauben.“ Trotzdem ist das Kreuz im Weg. Manche lehnen es ab, weil sie das Christentum ablehnen, dessen Kennzeichen das Kreuz ist. Andere finden, es habe im öffentlichen Raum nichts zu suchen. Privat kann es jeder halten wie er will. Schon öfter habe ich gehört: Verschont doch die Kinder mit dem qualvollen Anblick des Gekreuzigten! Neulich habe ich den Satz gelesen: „Die vielen Kreuze verstellen das Kreuz.“ Ein allgegenwärtiges Zeichen verliert an Bedeutung. Heute, am Tag der Kreuzigung Jesu, kommt auch wieder die Debatte auf, den Karfreitag zum staatlichen Feiertag zu machen. Das Kreuz ist im Weg. Es ist wie ein Stolperstein.
Hätte das Kreuz das letzte Wort, so wäre es unerträglich. Ostern ist mehr als der Karfreitag. Ohne die Auferstehung bleibt das Kreuz ein sinnloses, grausames Ärgernis. Dennoch gibt es kein Leben ohne das Kreuz. „Jeder hat sein Kreuz“, sagte immer unsere Adria, die viele Jahre bei uns im Bischofshaus gelebt hat. Sie hatte den Genozid in Ruanda überlebt. In Österreich hat sie als Flüchtling Aufnahme gefunden. Sie selber hat ihr Kreuz getragen, das schwer vorstellbare Leid des Völkermordes in ihrer Heimat. Wenn es unvermeidbar ist, dass jeder sein Kreuz hat, kann dann das Kreuz einen Sinn haben? Warum das viele Leid?
Eines scheint mir klar zu sein: Wir müssen alles tun, um anderen kein Leid zuzufügen. Wir dürfen auch alles tun, um unser eigenes Leid zu vermeiden oder wenigstens zu lindern. Trotzdem bleibt niemandem Leid erspart. Jeder hat eben sein Kreuz. Jesus hat inständig zu Gott gebetet, ihn vom Leid des Kreuzes zu verschonen, „aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe“. Kann das Leid Gottes Wille sein? Diese Frage taucht plötzlich auf, wenn etwas passiert, das alle meine Pläne durchkreuzt. Dann muss ich ein Kreuz über vieles machen, was ich vorhatte. Doch zeigt sich manchmal, dass das Kreuz zu einem positiven Vorzeichen wird: „Wenn Gott eine Türe schließt, öffnet er ein Fenster.“ Nicht umsonst stellen wir ein Plus in der Abrechnung mit einen „+“ dar. Und schließlich: Das Kreuz verbindet die Erde mit dem Himmel: die Vertikale. Sein Querbalken erinnert an offene Arme, die niemanden ausschließen.
Es stimmt schon: das Kreuz ist im Weg. Es kann aber auch zum Weg werden. Der Kreuzweg führt zur Auferstehung und zum Leben.