Heute wird viel von „Work-Life-Balance“ gesprochen. Auf gut Deutsch geht es um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeitsleben und Privatleben. Flexible Arbeitszeiten können dazu beitragen, genügend Zeit für Familie, Freizeit, Ehrenamt zu finden. Das Leben soll ein gesundes Gleichgewicht haben. Mich stört an dem englischen Ausdruck, dass er Arbeit und Leben irgendwie entgegensetzt. Es kann der Eindruck entstehen, dass das Leben erst nach oder neben der Arbeit stattfindet. Arbeit ist aber ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Wer keine Arbeit hat, dem fehlt ein ganzes Stück Leben.
Seit meiner „Pensionierung“ wird mir immer wieder gesagt: „Jetzt können Sie ja endlich tun, was Sie wollen.“ Das ist lieb gemeint. Ich sage darauf immer: Ich habe doch nicht all die Jahre Dinge tun müssen, die ich nicht wollte! Ich habe meinen Dienst, meine Arbeit sehr gerne getan, auch wenn ich jetzt froh bin, weniger Verpflichtungen zu haben. Die Diskussion über die „Work-Life-Balance“ hat natürlich auch ihre guten Gründe. Wenn Arbeit zum Dauerstress wird, dann ist eine Korrektur notwendig. Wie in allen Lebensbereichen ist die Ausgewogenheit die Voraussetzung für Zufriedenheit und Glück. Leider müssen viel zu viele Menschen in Verhältnissen leben, die das kaum möglich machen. Und doch begegnen wir immer wieder Menschen in schwierigsten Lebenssituationen, die eine beeindruckende Ausgeglichenheit ausstrahlen. Das kommt aus tieferen Quellen. Von ihnen spricht das heutige Evangelium.
Die beiden Schwestern Maria und Marta haben ein gastliches Haus, ihre Charaktere sind aber reichlich verschieden. Marta sorgt bestens für den Gast. Sie ist „ganz davon in Anspruch genommen zu dienen“. Es nervt sie, dass ihre Schwester Maria still zu Füßen des Gastes sitzt und ihm einfach zuhört. Sie versucht, den Gast auf ihre Seite zu ziehen. „Sag ihr doch, sie soll mir helfen.“
Durch alle Jahrhunderte hat man immer wieder Marta und Maria mit zwei Lebensformen in Verbindung gebracht: Marta stellt das tätige, aktive Leben dar, Maria das betrachtende, beschauliche Leben. Marta, so meinte man, stellt die Menschen in der Welt, im Berufsleben dar; Maria dagegen die, die in den Klöstern leben und sich ganz dem Gebet widmen. Doch das ist schwerlich der Sinn des heutigen Evangeliums. Es geht vielmehr um die Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Ruhe, zwischen Innerem und Aktivität. Jesus zeigt den Weg, der dazu führt.
„Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.“ So geht es den meisten von uns. Das Leben besteht nun einmal aus vielen Sorgen und Mühen. Sie nehmen auch die meiste Kraft und Zeit in Anspruch. So wird es wohl bis zu unserem letzten Atemzug bleiben. Diesem ständigen Sorgen und Mühen hält Jesus entgegen: „Nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt.“
Die Ausgewogenheit zwischen Leben und Arbeiten kann nicht darin bestehen, neben der Arbeit noch möglichst viele Freizeitaktivitäten zu haben. „Das eine Notwendige“ ist es wohl eher, im ganzen Leben, in Arbeit und Freizeit, den inneren Ruhepol zu finden, die Mitte, die dem ganzen Leben Halt und Sinn gibt. Maria verkörpert diese Mitte: „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.“ Ein Großteil unseres Lebens besteht wie bei Marta in vielen Aktivitäten. Maria kann in uns die Sehnsucht wecken, innerlich zur Ruhe zu kommen und beim Herrn den Frieden zu finden, den uns nichts mehr nehmen kann. Dann sind Arbeit und Leben kein Gegensatz.