Besitzen ist ein Grundrecht des Menschen. Das Wichtigste daran ist, dass wir uns selber gehören. Deshalb sagen wir von jemandem, er sei „im Vollbesitz seiner Kräfte“, wenn er selbstbestimmt leben kann. Besitzen bedeutet zudem, auch über Eigentum zu verfügen, also etwas zu haben, was uns gehört. Darum ist Diebstahl strafbar, weil der Dieb das Eigentum eines anderen ohne dessen Zustimmung an sich genommen hat. Bei Erbstreitigkeiten geht es meist um die Frage, ob das, worauf ich durch Erbschaft Anspruch habe, mir vorenthalten wird.
Glücklich die Familie, in der nicht über Erbschaften gestritten wird, zum Beispiel wenn es nichts oder kaum etwas zu vererben gibt oder wenn zwischen den Erben ein so gutes Einvernehmen besteht, dass es erst gar nicht zu Konflikten kommt. Beide Situationen konnte ich in meiner Familie dankbar erleben, weil durch die Vertreibung 1945 aus der alten Heimat Tschechien aller Besitz verloren ging und weil das, was nach dem Krieg wieder erworben wurde, auch friedlich aufgeteilt werden konnte.
Nicht so friedlich scheint die Situation der beiden Brüder im heutigen Evangelium zu sein. Der eine fühlt sich durch den anderen übervorteilt. Jesus, so hofft er, kann ihm zu seinem Recht verhelfen. Wer kennt nicht das Gefühl des ohnmächtigen Zorns, des tiefen Verletztseins, wenn er sich ungerecht behandelt, hintergangen und betrogen fühlt? Es ist ein Zeichen des Vertrauens, dass dieser Mann sich an Jesus wendet, der doch so viel Verständnis für den Kummer der Menschen hat. Ich bin sicher, dass viele Menschen, bis heute, Jesus in ähnlichen Situationen im Gebet um Hilfe bitten. Tun sie es zu Unrecht?
Jesus weist den Bittsteller harsch zurück. Stattdessen greift Jesus zu einer ernsten Warnung, die uns alle treffen soll: „Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier!“ War der Bruder habgierig, weil er seinen Anteil am Erbe haben wollte? Das sagt Jesus nicht. Er warnt uns alle davor, dass nicht der Besitz von uns Besitz ergreift, bis hin zur Gier nach Geld, zur Sucht nach Haben, zur Besessenheit vom Besitzenwollen.
Wie so oft erzählt Jesus eine Geschichte, ein Gleichnis. Es hört sich an wie eine Schilderung unserer Zeit. Der große Gott unserer Tage heißt Wirtschaftswachstum. Panik bricht aus, wenn die Wirtschaft in einem Jahr nur um ein bis zwei Prozent wächst oder gar schrumpft. Der Bauer des Gleichnisses erwartet ein großes Wachstum. Dazu braucht er größere Scheunen: die alten abreißen und neue bauen! Der größere Wohlstand, der damit erreicht werden soll, erlaubt ein bequemes Leben. Bei all dem wird an eines nicht gedacht: „Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern.“
Doch zurück zum Anfang. Erbschaften gibt es normalerweise durch Todesfälle. Das hat zwei Folgen: Erstens können wir nichts mitnehmen. Alles bleibt zurück. Zweitens ist es gut und schön, wenn die nächste Generation etwas erben kann. Für beides gilt: Niemand besitzt nur für sich selber. Glücklich macht nur das, was bei Gott reich macht. Was das ist, darüber lässt Jesus uns alle selber nachdenken.