Jesus spricht oft vom Warten und Wachen. Er knüpft dabei an Alltagserfahrungen an, die bis heute gültig sind. Er bezieht sie freilich auf sich selber, auf das wache Warten auf Ihn: „Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten.“ Er will damit sagen: Lernt von denen, die wachen und warten, wie ihr auf mein Kommen warten sollt. Somit stellen sich zwei Fragen: Wie sind meine Erfahrungen mit Wachen und Warten? Und: Warum und wie sollen wir auf das Kommen Jesu warten?
Wachen und warten gehören zum Leben. Viele Beispiele fallen mir ein. Zum Beispiel die zahllosen Autofahrer unterwegs. Alle müssen ständig wach und aufmerksam sein. Ich wundere mich immer, warum nicht viel mehr Unfälle passieren, wo es doch so leicht ist, momentweise die Achtsamkeit zu verlieren. Es genügt oft eine Sekunde und schon ereignet sich ein schwerer Unfall. Jesus nennt selber ein klassisches Beispiel für Wachsamkeit: Verhindern, dass ein Dieb ins Haus einbrechen kann! Heute müssen wir hinzufügen: Wachen, dass unser Konto nicht von Internetbetrügern ausgeraubt wird.
Zur Wachsamkeit gehört das Warten. Unser ganzes Leben ist eine lange Wartezeit. Kinder warten auf das Älterwerden; Erwachsene auf Erfolg in Partnerschaft und Beruf; wir Alten warten – worauf? Hat all das Warten etwas mit dem zu tun, wovon Jesus heute im Evangelium spricht? Er fügt ein entscheidendes Wort hinzu, das all unser Wachen und Warten durchkreuzt: das Unerwartete! „Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ Vieles kommt in unserem Leben unerwartet. Wie sollen wir uns dafür bereithalten? Wir können ja nicht auf das Unerwartete warten! Sollen wir in ständiger Angst leben? Doch wovor sollen wir uns fürchten, wenn wir gar nicht wissen können, was alles kommen kann?
Die Pfadfinder haben die schöne Devise: „Allzeit bereit!“ Jesus sagt es in einem Bild: „Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen!“ Es ist die wache Haltung, wie wir sie zum Beispiel bei so vielen ehrenamtlichen Einsatzkräften finden. Es ist die Wachheit der Mutter für ihre Kinder. Letztlich geht es um die Aufmerksamkeit, das wache und mitfühlende Herz.
Doch was hat das alles mit dem wachen Warten auf „das Kommen des Menschensohnes“ zu tun, als den Jesus sich selber bezeichnet? Ich versuche das so zu verstehen: Es macht einen großen Unterscheid, ob ich auf etwas oder auf jemanden warte, auf eine Sache oder einen Menschen. Liebende wissen das. Hinter Jesu Worten steht unausgesprochen, dass Jesus von seinem Wachen und Warten auf uns spricht. Wie wichtig und kostbar es ihm ist, dass wir wache und wartende Menschen sind, drückt er in einem für damalige (und heutige) Vorstellungen unerhörten Bild aus: „Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen.“ Warten sieht ganz anders aus, wenn man weiß, dass man freudig erwartet wird.