Heute gehen mir viele Gedanken durch den Kopf und bewegen mich. Das Datum des 9. Novembers weckt schöne und schreckliche Erinnerungen wach. Was haben sie mir und vielleicht uns allen zu sagen? Am 9. November 1938 brannten im ganzen damaligen Deutschen Reich, dem Österreich „angeschlossen“ war, die Synagogen, die auch „Tempel“ genannt werden. Man sprach von der „Reichskristallnacht“. Verbunden war dieses wahnsinnige Wüten mit der Verwüstung zahlloser jüdischer Geschäfte, jüdischer Wohnungen und der hemmungslosen Verfolgung der Juden. Es war erst der Anfang vom millionenfachen Morden.
51 Jahre später, am 9. November 1989, kam es zum Fall der Berliner Mauer und damit zum Ende der kommunistischen DDR und zur Wiedervereinigung Deutschlands. Dasselbe Datum, doch ein ganz anderes Signal. Schrecken und Grauen auf der eine Seite, Hoffnung und neue Zuversicht auf der anderen Seite. Nach zwei von Europa ausgehenden Weltkriegen war der Fall der Berliner Mauer das Symbol für ein Europa, in dem die Staaten nicht mehr, wie durch Jahrhunderte, Krieg gegeneinander führen, sondern miteinander zu gehen entschlossen sind.
Der 9. November ist für die Kirche der jährliche Gedenktag der Weihe der Lateranbasilika in Rom. Was ist daran besonders feiernswert? Sie ist die eigentliche Bischofkirche des Papstes, des Bischofs von Rom. Das Kirchweihfest, bei uns „Kirtag“ genannt, ist an vielen Orten ein Volksfest mit Gottesdienst, Jahrmarkt und Brauchtum. Die Lateranbasilika wird als die „Mutterkirche“ von Rom und der ganzen katholischen Kirche gefeiert. Mich berührt daran vor allem das Wort „Mutterkirche“. Für mich war und ist die Kirche Mutter. In ihr bin ich aufgewachsen. In ihr habe ich Heimat gefunden. Ich weiß, dass viele Menschen bei dem Wort Kirche ganz andere Empfindungen haben.
Ein Blick auf Jesus im heutigen Evangelium kann zur Klärung verhelfen. Jesus ist, wie jedes Jahr, zum Pessachfest nach Jerusalem gepilgert. Der Geschäftsrummel im Tempel empört ihn. Mit einer mehr symbolischen Aktion macht er seinem Zorn Luft und vertreibt die Händler aus dem Vorhof des Tempels: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ Der Tempel – Jesu Vaterhaus! Die Kirche als Mutter! Beide Worte bedeuten Beheimatung, ein Zuhause. Den Juden ist der Tempel, die Synagoge ein Vaterhaus. Der Hass der Nazis wütete daher gegen alle, wirklich alle Synagogen Deutschlands. Sie wollten bewusst das Heiligtum des jüdischen Glaubens, Betens und Feierns vernichten. Bis heute bleibt es die tiefe Wunde des Judentums, dass der Tempel in Jerusalem im Jahr 70 von den Truppen der Römer bis auf die Grundmauern (die „Klagemauer“) zerstört wurde. Hat Jesus das bereits 40 Jahre zuvor vorausgesagt? „Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“ Niemand verstand damals dieses rätselhafte Wort. Erst durch seine Auferstehung am dritten Tag nach seinem Kreuzestod erinnerten sich seine Jünger an dieses Wort Jesu und glaubten daran. Heute hilft es auch mir, fest daran zu glauben, dass die schrecklichen Ereignisse vom 9. November 1938, die hoffnungsvollen Ereignisse vom 9. November 1989 und alle Not und Hoffnung unserer Tage nicht mit den Zerstörungen und dem Leid enden, sondern mit der Auferstehung und dem Leben.