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Eine Familie auf der Flucht

Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn am 28. Dezember 2025

28.12.2025
Gemälde von Filippo Lauri (1623 - 1694 Rom)Mit freundlicher Genehmigung des kunsthistorischen Museums Wien (KHM)
© Erzdiözese Wien/ Schönlaub, Stephan Schönlaub
Gemälde von Filippo Lauri (1623 - 1694 Rom)Mit freundlicher Genehmigung des kunsthistorischen Museums Wien (KHM)
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Weihnachten ist noch nicht vorbei, da meldet sich die Wirklichkeit in aller Härte zu Wort: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh.“ Wenn es stimmt, dass das Kind im Stall von Bethlehem der Sohn Gottes ist, dann hat ihn das Schicksal der Menschen schnell eingeholt. Gottes Sohn, Jesus, das Kind, erlebt gleich nach seiner Geburt, was seit jeher das Schicksal zahlloser Menschen war und ist: Familie auf der Flucht!

 

Schnell, nimm deine beiden kleinen Kinder. In einer halben Stunde steht ein Fluchtauto bereit. Wenn du jetzt nicht fliehst, kommst du mit deinen Kindern ins Lager. So in etwa dürften die Worte gelautet haben, die der Schwager meiner Mutter ihr durchs Telefon gesagt hat. Schnell zwei Koffer gepackt, und ab ging die Flucht, damals 1945. Meine Großmutter war schon im tschechischen Lager gestorben. Etwa drei Millionen sind damals geflohen, vertrieben oder selber geflüchtet, um der Vertreibung oder dem Lager zu entgehen. Ein kleiner Ausschnitt aus dem, was unzählige Male in allen Jahrhunderten geschah und immer noch geschieht. Mitten in dieses Menschenschicksal ist Jesus hineingeboren: Die Heilige Familie ist auf der Flucht!

 

Josef hat keinen Moment gezögert: „Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.“ Warum nach Ägypten? Meine Mutter ist mit uns beiden nach Österreich geflüchtet. Warum? Weil es dort Verwandte gab. Das tun die meisten Flüchtlinge bis heute. Auch weil es in Österreich sicherer war, also mehr Zukunftschancen. Glücklich die Flüchtlinge, die ein solches Zielland erreichen! Es ist eher die Seltenheit. Meist geht die Flucht in noch unsicherere Situationen hinein.

Hatte die Heilige Familie in Ägypten Verwandte? Mag sein. Sicher war, dass es im Land der Pyramiden jüdische Gemeinden gab. Es ist ein Segen für die Flüchtlinge, die in ihrem Zielland Glaubensgeschwister finden, denn der gemeinsame Glaube schenkt Heimat. Mindestens so wichtig ist es unter Flüchtenden, dass die Familie zusammenbleiben kann. Ganz besonders geht es darum, dass die Kinder nicht verloren gehen. Gleich viermal spricht der Bericht des Evangeliums vom „Kind und seiner Mutter“. Um das Kind zu retten, erhält Josef den Auftrag, zu fliehen, „denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten“.

 

Josef ist nicht der leibliche Vater des Kindes. Er weiß und glaubt, dass Gott ihm dieses Kind anvertraut hat. Sein ganzes Sorgen gilt ihm und der Mutter, die es geboren hat. Auffallend ist, dass Josef zwar tapfer und schnell handelt, dass aber die Leitung der Flucht von Gott ausgeht. Flüchtlinge sind mehr als andere Menschen auf Glück angewiesen, weil sie meistens „auf gut Glück“ fliehen müssen. Umso mehr sind sie sich oft bewusst, wie sehr sie Gottes Hilfe und Fügung brauchen. Die kleine Heilige Familie hat diese Erfahrung von Etappe zu Etappe gemacht, bis sie sich in Nazareth niederlassen konnten. Gott hat sie geführt, Josef hat ausgeführt, was er als Weisung von Gott erhalten hat. Wir haben oft zu Hause mit unserer Mutter über die Flucht gesprochen. Eines wurde immer deutlicher: Viele haben uns geholfen. Alles aber war Gottes gute Fügung, das Schwere, der Verlust von allem, aber auch die gefundene neue Heimat.

 

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