Weinen ist menschlich: Tränen der Trauer oder der Freude, zu Tränen gerührt sein oder Tränen lachen. Jesus hat am Grab seines Freundes Lazarus geweint. Die Leute, die ihn beobachteten, sagten: „Seht, wie lieb er ihn hatte.“ Die Tränen Jesu sind so menschlich. Lazarus und seine beiden Schwestern, Martha und Maria, waren wirklich Freunde Jesu. Bei ihnen fühlte er sich zu Hause. Trotzdem werfen seine Tränen Fragen auf. Es klingt wie ein Vorwurf, wenn Martha ihm sagt: „Wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Leute aus dem Volk kritisieren, dass Jesus an seinem Freund kein Heilungswunder gewirkt hat, wie er es bei anderen Menschen getan hat.
Die Tränen Jesu wundern aber noch aus einem anderen Grund: Er wusste doch, dass er Lazarus nicht im Grab lassen würde. Bald wird er ihn mit lauter Stimme aus dem Felsengrab herausrufen. Lazarus wird wieder leben. Wozu also die Tränen? Diese Frage begleitet mich seit langem. Von meinem Großvater wird in der Familie erzählt, dass er ähnliche Gedanken hatte. Ich kann mich nicht an ihn erinnern. Ich war noch ein kleines Kind, als er starb. Er meinte, dass es nicht sinnvoll sei, am Grab zu weinen. Wir glauben ja an das ewige Leben und dürfen uns auf den Himmel freuen. Warum also weinen?
Die Tränen Jesu geben eine Antwort: Der Tod bleibt ein Schmerz, auch wenn wir an die Auferstehung und das ewige Leben glauben. Jesus ist erschüttert über den Tod seines Freundes. Er wäre nicht wirklich ein Mensch, wenn ihm sein Sterben nicht zu Herzen ginge. Jesus hat seine eigene Auferstehung vorausgesagt. Trotzdem ist er durch die tiefe Todesangst gegangen. Der Tod ist und bleibt der „letzte Feind“, wie Paulus ihn nennt. Wir müssen alle sterben. Manche wünschen sich sogar, sterben zu dürfen, wenn das Leben nur mehr Last ist. Auch für Jesus war das Sterben, menschlich gesehen, eine Erlösung von der unerträglichen Qual des Kreuzes.
Bei der Kreuzigung Jesu ist viel geweint worden. Man kann sich kaum vorstellen, was es für seine Mutter an Schmerz und Tränen bedeutete, die langen Stunden seiner Todesqual mitzutragen. Als er ausgelitten hatte, wurde sein Leichnam in der Nähe in ein Felsengrab gelegt. Auch hier sind wieder reichlich Tränen geflossen: Maria von Magdala und andere Frauen, die mit ihm verbunden waren, sind die ersten, die früh morgens zum Grab kommen. Sie sind auch die ersten, die dem Auferstandenen begegnen durften. Meinem Opa, bei allem Respekt, kann ich nicht recht geben. Wer Tränen am Grab weint, leugnet nicht die Auferstehung. Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt, wird trotzdem am Grab eines lieben Menschen weinen. Seine Tränen werden aber nicht trostlos sein. Das ist der Unterschied.
In jener Zeit sandten die Schwestern des Lázarus Jesus die Nachricht: Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank. Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. Jesus liebte aber Marta, ihre Schwester und Lázarus. Als er hörte, dass Lázarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt. Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.
Als Jesus ankam, fand er Lázarus schon vier Tage im Grab liegen. Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen. Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag. Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. Jesus war im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte zu ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lázarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen! Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.