Eine Frage bewegt mich immer wieder: Kennt Gott wirklich alle Menschen? Jeden Einzelnen? Ganz persönlich? Wie soll das möglich sein, wo es doch Milliarden von Menschen gibt? Die Frage stellt sich mir nicht abstrakt und theoretisch, sondern ganz praktisch: Ich glaube schon, dass Gott auf mein Leben schaut. So vieles, was in all den Jahren geschehen ist, betrachte ich als Fügung Gottes, für die ich dankbar bin. Auch Schweres und Schwieriges erweist sich im Rückblick als sinnvoll. Persönlich glaube ich an das, was man Gottes Vorsehung nennen kann. Soll das nur für mich gelten? Ich bin so vielen Menschen begegnet, die das ähnlich empfinden. Täuschen wir uns alle?
Manche Menschen meinen, das sei alles Einbildung, eine Art Trost, den wir uns selber spenden. Andere glauben an so etwas wie eine höhere Macht, die uns lenkt und leitet, oder an eine universale Energie, der wir unterworfen sind. Wieder andere nehmen an, ein blindes Schicksal bestimme den Lauf der Dinge. Es ist nicht leicht, über Gott und die Welt ein einfaches, klares Wissen zu haben. Mir hilft es, in all diesen Zweifeln und Fragen auf das zu hören, was andere erfahren und erlebt haben. Für diesen Zugang zu den ewigen Menschheitsfragen ist der Apostel Thomas ein kostbarer Zeuge.
„Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen.“ Gut, dass er ihnen nicht gleich geglaubt hat. Sein Zweifel kommt uns zugute. Er zeigt, dass auch wir Fragen stellen dürfen. Thomas sucht Gewissheit. Er will nicht einer Täuschung und damit einer neuen Enttäuschung aufsitzen. Die Enttäuschung über Jesus muss groß gewesen sein: „Wir hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde.“ Stattdessen wurde er getötet und liegt im Grab, so der Tenor unter den Jüngern.
Enttäuschte Stimmen dieser Art gibt es bis heute: Menschen, die auf Gott gehofft hatten, für die alles ganz anders kam. Um sie wieder von Gott zu überzeugen, genügen keine frommen Worte, auch keine Strohfeuer-Begeisterung. Sie brauchen handfeste Beweise. Solche hat Thomas gefordert, im ganz wörtlichen Sinn: „Wenn ich nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Acht Tage später erhält er den geforderten Beweis. Jesus ist da, trotz verschlossener Türen, und spricht ihn direkt an. Er weiß, was Thomas als Zeichen genannt hatte: „Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“
Thomas konnte von da an glauben. Wie steht es aber mit uns? Wer hat schon das Glück, Jesus so direkt zu begegnen wie Thomas? Jesus sieht es anders: „Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben.“ Also stehen unsere Chancen nicht schlechter. Heißt das, blindlings zu glauben? Etwas können wir immer wieder sehen: Menschen begegnen, die uns glaubwürdig bezeugen, wie sehr der Glaube ihnen in ihrem Leben geholfen hat. Nicht mehr ein blindes Schicksal waltet über ihrem Leben, sondern ein Gott, für den jeder Mensch einmalig und geliebt ist. Glauben heißt Vertrauen, dass es so ist. Wie Thomas können Sie zu Jesus sagen: „Mein Herr und mein Gott.“
Johannes 20,19–31
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. Thomas, der Dídymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt, und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.