In Österreich sagt man gerne, die wichtigste Tür sei die Hintertür. Durch die kann man über die Hintertreppe leichter zum Ziel kommen. Das ist umso sicherer, wenn man zudem genügend „Vitamin B“ hat, will heißen gute Beziehungen. Wer durch den Haupteingang geht und nicht ein „Promi“ ist, der mit Ehren erwartet wird, muss sich oft mühsam durchfragen, Warteschlangen auf sich nehmen, um schließlich zu einem anderen Amt geschickt zu werden. Ich sage das nicht, um unsere Ämter schlecht zu machen. Viele sind ehrlich um die Klienten bemüht, die auch nicht alle immer einfach und höflich sind.
Jesus spricht gerne durch Bilder und Gleichnisse von dem, was ihm wichtig ist. Er nimmt sie immer aus dem praktischen Leben, heute etwa vom Schafstall und der Tür, die ihn beschützt: „Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.“ Mit diesem Gleichnis hält uns Jesus einen Spiegel vor. Es ist nicht immer angenehm, in diesen Spiegel zu schauen, gerade für die, die für andere Menschen Verantwortung tragen, wie im Gleichnis der Hirt für die Schafe. Mein Freund Pfarrer Peter Mathei bringt den Sinn des Gleichnisses auf den Punkt: „Die Frage, die Jesus stellt, ist einfach: Geht es euch um die anderen … oder um euch selbst? Geht es um eure Aufgaben oder um euren Erfolg? Liegt euch etwas am Wohl der anderen, oder versucht ihr, euch selbst zu verwirklichen mittels der anderen?“ Wer ist ein guter Hirt, wer ein Dieb oder Räuber? Und wie erkennt man sie auseinander?
Fast jeden Tag hören wir in den Medien von Betrug und Diebstahl. Oft sind die Opfer gutgläubige ältere Menschen. Mit schönen Versprechungen werden sie dazu gebracht, einem angeblich guten Investor ihr Geld anzuvertrauen, um dann festzustellen, dass sie einem raffinierten Schwindel aufgesessen sind. Wem kann man vertrauen? Wer meint es ehrlich mit uns? Diese Frage begleitet uns ein Leben lang. Kinder vertrauen spontan ihren Eltern. Umso schmerzlicher ist es, wenn sie zu merken beginnen, dass es den Eltern mehr um sich selber geht als um sie. Nicht anders ist es in den Beziehungen, in der Liebe, im Geschäft, selbst in der Religion. Alles kann zu einem Ort des Egoismus werden. Ganz frei davon ist wohl niemand von uns. Es stimmt schon, was oft gesagt wird: Du musst auf dich selber schauen! Wann wird dieses berechtigte Anliegen so vorherrschend, dass dabei die anderen immer mehr ausgeblendet werden?
Das Gleichnis Jesu hilft zu unterscheiden zwischen einem guten Hirten und einem beinharten Egoisten. Eine kleine Bemerkung im Text hilft weiter: „Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus, aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.“ Jesus wird klar und deutlich: „Ich bin die Tür zu den Schafen.“ Um zu unterscheiden, mit wem wir es zu tun haben, verweist Jesus auf sich selber. Ist das nicht anmaßend? Haben wir, gerade in unserer Zeit, nicht genügend Menschen, die ständig auf sich selber verweisen und sich für die besten halten? Den großen Unterschied zwischen Jesus und den selbst ernannten Erlösern zeigt das Schlusswort: „Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Die Beziehung zwischen Jesus und den Menschen ist eine ganz persönliche. Er ist nicht der Führer, wir die Masse. Er kennt und ruft jeden Einzelnen beim Namen. Die Hintertür ist verlockend und erfolgsversprechend. Die Jesus-Tür sieht mühsam aus, doch sie täuscht niemanden; sie will, dass wir leben.