Alles, was wir sagen oder tun, hat seinen „Sitz im Leben“. Was war die Situation, in der ich dies und das gesagt oder getan habe? Es hilft oft entscheidend, danach zu fragen, um es besser einordnen und verstehen zu können. Was war der „Sitz im Leben“ des heutigen Evangeliums? Er könnte kaum dramatischer gewesen sein. Was Jesus an diesem Abend gesagt und getan hat, geschah im Angesicht des Todes. Es war der letzte Abend seines Lebens auf Erden und er wusste es. Sein „letztes Abendmahl“ war auch der Ort seiner „Abschiedsreden“. Einen Abschnitt daraus bildet das heutige Sonntagsevangelium. Um es besser zu verstehen, hilft es, seinen „Sitz im Leben“ zu befragen.
Vorweg eine kritische Frage: Hat Jesus wirklich all das gesagt? Es gibt weder eine Videoaufnahme noch eine genaue Mitschrift davon. Johannes schrieb sein Evangelium Jahrzehnte später. Ist es glaubwürdig? Dazu zwei praktische Hinweise: Die Menschen lebten damals in einer Kultur der mündlichen Überlieferung. Sie hatten ein unvergleichlich besseres Gedächtnis als wir durch pausenlosen Handykonsum zerstreuten Zeitgenossen. Zudem waren die Teilnehmer dieses einzigartigen Abends aufmerksam auf alles, was Jesus sagte. Es waren seine Abschiedsworte, sein Testament.
Die große Frage stand im Raum: „Was wird aus uns werden, wenn Jesus nicht mehr da ist?“ Er war für sie das Ein und Alles. Für ihn haben sie alles verlassen. Auf ihn haben sie sich ganz verlassen. Bleiben sie jetzt allein übrig? Jesus tröstet sie: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch.“ Bald werden sie erleben, dass Jesus Wort hält. Sie machen die Erfahrung, die sich bis heute immer wieder bestätigt: „Ihr seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.“ Am Abend vor seinem Tod spricht Jesus vom Leben. Jesus lebt!
Dass es wirklich so ist, davon sind bis heute viele Menschen überzeugt. Woher nehmen sie diese Gewissheit? Sie ist nicht das Ergebnis eigener Überlegungen. Sie hat mit dem zu tun, was Jesus damals versprochen hat: „Ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit“. Wer ist das und was tut er? An diesem letzten Abend hat Jesus viel von ihm gesprochen. Er nennt ihn in der Redeweise seiner Heimat mit einem griechischen Wort: Paraklet, was bedeutet: Helfer, Beistand, Berater, Fürsprecher, Verteidiger, Anwalt, Tröster. Paulus sagt von ihm: „Er tritt für uns ein.“ Das erwartet man von einem Anwalt! Das tut der Heilige Geist!
In zwei Wochen ist Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Jesus nennt ihn „einen anderen Beistand“. Wozu neben Jesus noch einen anderen Helfer? Ich glaube, aus der Erfahrung sagen zu können, warum wir ihn brauchen. Unser Leben spielt sich die meiste Zeit an der Oberfläche ab: die täglichen Pflichten, die Unterhaltungen, die Meinungen. Viel zu selten gelingt es uns, tiefer einzudringen in die Wahrheit, den Sinn des Lebens, die Liebe zu Gott und zueinander. Der „andere Beistand“ hilft uns, auf die meist leise Stimme des Herzens zu hören. Er gibt die Kraft, ihr zu folgen.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben,
der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.