Nur der Mensch kann beten. Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen beten, auch wenn sie es nicht Gebet nennen. Niemand muss beten. Man kann auch ohne Gebet leben. Ich habe es selber in jungen Jahren eine Zeit lang getan, bis ich gemerkt habe, dass es mir fehlt. Warum fangen Menschen an zu beten? „Not lehrt beten“, sagt das Sprichwort. Ich glaube, dass auch schöne Erfahrungen uns zum Gebet erwecken können. Beten hat mit Bitten zu tun, aber mindestens ebenso viel mit Danken.
Warum beten viele vor einer Prüfung, einer Operation, in großer Not? Der große Thomas von Aquin, Dominikanermönch und Theologe, sagt es ganz einfach: „Im Gebet tragen wir Gott unsere Anliegen vor, damit er sie verwirkliche.“ „Da hilft nur noch beten“, sagen wir in solchen Situationen. Warum sagen wir „Gott sei Dank“, wenn etwas gut gegangen ist? Bitten und Danken gehören zum menschlichen Leben. Sie sind auch das Herzstück aller Gebete.
Christus hat gebetet, weil er Mensch ist. Er hat viel gebetet, manchmal die ganze Nacht. Seine Jünger wollten es auch lernen: „Lehre uns beten!“ Er hat ihnen damals ein Gebet beigebracht, das bis heute das Grundgebet aller Christen ist, das Vater Unser. Jesus selber hat in seinem Gebet Gott immer als Vater angesprochen. Er hat in seiner Muttersprache gebetet, auf Aramäisch: Abba! Das entspricht unserem Papa, Papi, Vati. So vertrauensvoll sollen auch wir mit Gott sprechen.
Gebet und Angst vor Gott passen nicht zusammen. Wir gehen mit unseren Sorgen nicht zu jemanden, vor dem wir Angst haben. Deshalb ist das Gebet immer ein Ausdruck des Vertrauens. In den Gleichnissen vom verlorenen Sohn oder vom barmherzigen Samariter hat Jesus das Bild eines Gottes gezeichnet, den wir wie Jesus Vater nennen dürfen.
Wie also beten? Im heutigen Evangelium sehen wir, wie Jesus betet. Zuerst für sich selber! Das ist kein Egoismus: Ich darf ganz persönlich Gott für mich bitten, für meinen Tag, um Gesundheit, um Hilfe in meinen Nöten. Dabei soll ich nie das Danken vergessen. Gott zu loben, ist ein Zeichen dafür, dass wir ihn lieben: „Wie groß bist du!“
Jesus hat, gerade im Gebet des heutigen Evangeliums, kurz vor seinem Leiden und Sterben für die Seinen gebetet: „Für sie bitte ich!“ Im weiteren Verlauf dieses langen Gebetes bittet Jesus seinen Vater vor allem, dass sie eins seien: „Alle sollen eins sein, wie du, Vater, in mir bist, und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein.“
Was tun wir, wenn wir einander um etwas bitten? Wir zeigen damit, dass wir es nicht erzwingen können. Wir bekennen so, dass wir auf die anderen angewiesen sind. Als Kinder mussten wir lernen, Bitte und Danke zu sagen. Auch das Beten müssen wir üben. Schön, wenn wir schon als Kinder gelernt haben, Gott Bitte und Danke zu sagen. Schade, wenn wir hierin aus der Übung gekommen sind. Wir können heute (wieder) damit anfangen! Denn beten macht uns menschlicher.
Johannes 17,1-11a
In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht! Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus. Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war! Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort bewahrt. Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast. Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich komme zu dir.