Wie soll das zusammenpassen: Vertrauen und Drohung? Sie stehen im heutigen Evangelium nahe nebeneinander. Dreimal sagt Jesus nachdrücklich: „Fürchtet euch nicht!“ Zweimal droht er: mit der Hölle und mit der Ablehnung durch Gott. Ich habe stark verunsicherte Kinder erlebt, die sich nicht mit den Botschaften der Eltern auskannten: Auf der einen Seite starke emotionale Zuwendung, dann aber unerwartete Strafen und Härten. Kein Wunder, dass diese Kinder schlechte Startbedingungen im Leben haben.
Verlässlichkeit und Einsehbarkeit der Verhaltensweisen der Eltern sind die Grundlage dafür, dass Kinder sicher und geborgen aufwachsen können. Gleiches gilt auch für die Beziehung zu Gott. Ganz direkt gefragt: Können wir uns auf Gott verlassen? Oder sind wir verunsichert durch das Gefühl, dass Gott willkürlich und unberechenbar handelt? Zweifel können uns kommen, wenn Schicksalsschläge uns aus heiterem Himmel treffen.
Im heutigen Evangelium wirbt Jesus mit starken Worten um unser Vertrauen in Gottes Wirken und Wollen. Er tut es mit viel Einfühlung in unser tägliches Leben. Als erstes steht da die Ermutigung: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ Das sagt sich leichter, als es getan ist. Da ist etwa die Angst, von den anderen nicht angenommen zu werden. Wohlwollen und Bejahtwerden sind lebenswichtig. Wenn sie fehlen, ist es schlimm. Tief sitzt die Angst vor Krankheit, Arbeitsplatzverlust, Armut, übler Nachrede.
Die wohl am meisten verdrängte Angst ist die Angst vor dem Tod. „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“. Mit diesem Wort trifft Jesus den entscheidenden Punkt in der Einstellung zum Leben. Kein Mensch entkommt dem leiblichen Tod. Alle Menschen haben aber eine unsterbliche Seele. Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Die Sorge um die Seele nimmt bei weitem nicht denselben Platz ein wie die für den Leib. Jesus warnt vor den Schäden, die die Seele nehmen kann, und redet ganz undiplomatisch von der Furcht vor der Hölle, in die wir stürzen könnten. Also doch das Bild eines strafenden Gottes? Wie soll da Vertrauen wachsen?
Jesus will offensichtlich nicht bei der Drohung stehenbleiben. Er wirbt für das Vertrauen. Dazu gibt es reichlich gute Gründe. Während ich das schreibe, beobachte ich einen Spatz auf dem Dach gegenüber von meinem Fenster. Kein Spatz, sagt Jesus, fällt tot zur Erde, „ohne den Willen eures Vaters“. Selbst die Haare auf dem Kopf sind alle gezählt. Bei mir muss nicht lange gezählt werden! Wenn Gott so liebevoll für alle Geschöpfe sorgt, haben wir allen Grund, ihm zu vertrauen: „Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“
Wie also steht es mit dem Fürchten und dem Vertrauen? Sie sind kein Entweder-Oder. Kinder müssen sich nicht fürchten, wenn sie die Sicherheit durch das Vertrauen der Eltern haben. Gerade das Vertrauen lehrt uns, was wir fürchten sollen: es zu verletzen, es gar zu verlieren. Der einfachste Ausdruck des Vertrauens ist der Glauben. Dies sollen wir, wie Jesus sagt, „auf den Dächern verkünden“. Zu ihm dürfen wir uns ohne Furcht „vor den Menschen bekennen“.
Matthäus 10,26-33
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern! Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.