„Sie waren müde und erschöpft“. Diesen Eindruck hatte Jesus von den vielen Menschen, denen er in Städten und Dörfern von Galiläa begegnete. Müde und erschöpft wirken auch die meisten Menschen in den U-Bahnen der Großstädte. Entspannte, fröhliche Gesichter scheinen wie eine Ausnahme im Gedränge und Geschiebe der Menschenmenge. Kaum jemand schaut auf die anderen. Fast alle sind fixiert auf ihr Handy. Es wirkt eher peinlich, wenn man den anderen ins Gesicht blickt, gar ihnen zulächelt. Lieber anonym bleiben und möglichst bald aussteigen!
Damals, zur Zeit Jesu, gab es keine U-Bahnen. Menschenmengen gab es trotzdem, besonders dort, wo Jesus sich gerade aufhielt. Sein Ruf, Krankheiten heilen zu können, zog die Menschen an. Jesus sah nicht nur ihre gesundheitlichen Probleme: „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Heute sprechen wir von Stress, von Burnout, von Depression. Das Leben der meisten Menschen, damals wie heute, ist geprägt von vielerlei Belastungen. Es ist kein Honiglecken. Jesus hat viele Krankheiten und Leiden geheilt. Es war aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das meiste Leid blieb weiter bestehen. Hatte Jesus eine umfassendere Lösung im Sinn? Es sieht fast so aus.
„Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter.“ Als wollte er sagen: Es gibt so viel Leid; es wäre so viel Hilfe möglich, wenn es nur genügend Erntearbeiter gäbe, Menschen, die nicht wegschauen von all der Not; die zupacken und die Arbeit angehen. Jesu Klage gilt heute genauso wie damals. Nochmals: Hat Jesus eine Lösung parat? Nicht nur für den heute spürbaren Mangel an Pflegeberufen oder für genügend geistliche Berufe. Es geht um uns alle, denn „die Ernte ist groß“, und viele, viele Helfer werden gebraucht. Wie können es mehr Erntehelfer werden? Die Lösung, die Jesus vorschlägt, ist überraschend: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!“ Das klingt fast so, als würde uns Jesus auffordern, Gott, den „Herrn der Ernte“, zu drängen, er solle selber dafür sorgen, dass genügend helfende Hände da sind, um die Ernte einzubringen.
In Österreich sind wir gewöhnt, dass „Vater Staat“ sich um alles zu kümmern hat. Soll Gott Vater sich auf ähnliche Weise darum sorgen, dass überall Kummer und Sorgen „entsorgt“ werden? Genau darum geht es nicht. Wir sollen Gott bitten, dass er „Arbeiter für seine Ernte“ schickt. Wer sollen die sein? Geht es vielleicht darum, dass ich mich selber als Erntearbeiter „rekrutieren“ lasse? Oder denke ich: Das geht nur die anderen an?
Jesus hat nicht weggeschaut von der Not der Menschen, denen er begegnet ist. Er hatte Mitgefühl. Er ließ sich berühren. Doch was hilft Mitgefühl ohne Bereitschaft zu helfen? Das hat ihn bewogen, Menschen um sich zu sammeln, die bereit waren, mit ihm „Erntearbeiter“ zu werden. Er selber hat die ersten Zwölf zu sich gerufen und sie haben sich rufen lassen. Von ihm haben sie gelernt, sich auf die Nöte der anderen einzulassen: „Geht zu den verlorenen Schafen!“ Durch ihn haben sie erfahren, dass es stimmt: „Das Himmelreich ist nahe!“ Was damals mit den ersten Zwölf geschah, ist bis heute lebendig: Menschen entdecken, dass sie vom „Herrn der Ernte“ gerufen und gebraucht werden, denn die Ernte ist wirklich groß.
Matthäus 9,36-10,8
In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philíppus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskáriot, der ihn ausgeliefert hat. Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samaríter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.