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Mt 9, 9 - Rettende Barmherzigkeit

Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag, den 7. Juni 2026

07.06.2026
Gemälde von Jan Sanders van Hemessen (um 1500 Hemixen bei Antwerpen - um 1563/66 Haarlem) Mit freundlicher Genehmigung des kunsthistorischen Museums Wien (KHM)
© Erzdiözese Wien/ Schönlaub, Stephan Schönlaub
Gemälde von Jan Sanders van Hemessen (um 1500 Hemixen bei Antwerpen - um 1563/66 Haarlem) Mit freundlicher Genehmigung des kunsthistorischen Museums Wien (KHM)
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Was hat das heutige Evangelium mit der KI zu tun? In seiner ersten Enzyklika, seinem Lehrschreiben, spricht Papst Leo ausführlich über das Thema Künstliche Intelligenz (KI), über die großen Herausforderungen, die mit dieser beeindruckenden digitalen Entwicklung verbunden sind. Er sieht darin nicht nur Gefahren, weist aber eindringlich auf sie hin. Nie wird KI das ersetzen können, was Jesus heute im Evangelium sagt: „Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“ Barmherzig kann nur ein menschliches Herz sein. Eine noch so perfekte Maschine ist dazu nicht in der Lage. Sie wird auch nicht ein hartes Herz bewegen können, sich zu öffnen für die Not des anderen. Um die Herzensänderung geht es Jesus.


Voraussetzung dafür ist es, den anderen zu sehen und wahrzunehmen. In der U-Bahn sehe ich kaum jemanden, der nicht auf sein Handy schaut. Selten begegnen einander die Blicke. Ohne sie gibt es keine Begegnung. Es lohnt sich, beim Lesen des Evangeliums darauf zu achten, wie Jesus mit seinem Blick anderen begegnet: Damals „sah Jesus einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen“. Dieser Blick hat das Leben des Matthäus für immer verändert. Aus dem gefürchteten Steuerpächter und Geldeintreiber wurde der Apostel Jesu, der Autor dieses Evangeliums. „Folge mir nach!“ – auf diese Einladung „stand Matthäus auf und folgte ihm nach“. Der Blick Jesu hat etwas in Matthäus so tief bewegt, dass er seinen halsabschneiderischen Beruf aufgibt und sein Leben ganz neu ausrichtet. Wäre eine solch verwandelnde Begegnung möglich mit den Mitteln der KI?


Die Wende in seinem Leben hat Matthäus groß gefeiert. Viele seiner fragwürdigen Kollegen haben mitgefeiert. Auch Jesus und seine Jünger waren dabei, sie haben „in seinem Haus bei Tisch“ mit ihnen gegessen und getrunken. Dieses Fest Jesu mit „Zöllnern und Sündern“ hat kräftig Anstoß erregt. Die Pharisäer sind schockiert: „Wie kann er nur!“


Die Digitalisierung unserer Welt verstärkt eine Tendenz, die schon seit immer in uns vorhanden ist: die Polarisierung! Wir neigen zur Schwarz-weiß-Malerei. Wir teilen die Welt in Gute und Böse ein, in Linke und Rechte, in „Wir“ und „die Anderen“. Wir sind hart im Urteilen über die, die nicht so sind wie wir. Die Frommen neigen dazu, klar zwischen Sündern und Gerechten zu unterscheiden. Jesus hat ständig mit dieser Art des Urteilens zu kämpfen gehabt, deutlich zu sehen im heutigen Evangelium.


Die Pharisäer waren zweifellos fromm und gesetzestreu. Das hat Jesus ihnen immer wieder bestätigt. Ihn schmerzt daran die Härte ihrer Herzen. Seine Zuwendung zu den „Sündern“ war keine Zustimmung zu den Ungerechtigkeiten der Zöllner. Er sah sie als Kranke, die einen Arzt brauchen. Wer sich für gerecht hält, braucht keine Heilung, keine Umkehr. Die Pharisäer, die sich aufregen, tun so, als wären sie fehlerlose Gerechte. Ihr hartes Urteil über die anderen ist unbarmherzig und scheinheilig. Es ist unmenschlich. Menschlichkeit sieht anders aus. Papst Leo warnt davor, dass der massive Einsatz der KI in allen Lebensbereichen, zunehmend auch in der Kriegsführung, unser Leben entmenschlicht. Das heutige Evangelium zeigt: Nur die Barmherzigkeit kann uns retten.

 

Matthäus 9,9-13
In jener Zeit sah Jesus einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm nach. Und als Jesus in seinem Haus bei Tisch war, siehe, viele Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

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