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Mt 10,37–42 - Liebst du mich mehr?

Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag, dem 28. Juni 2026,

28.06.2026
© https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cristo_abrazado_a_la_cruz_El_Greco.jpg
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Diese Frage hat Jesus bei einem denkwürdigen Frühstück am Ufer des Sees Genezareth dem Petrus gestellt: „Liebst du mich mehr als diese?“ Petrus hat behutsam geantwortet: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe.“
Wir lieben die Menschen, die wir liebhaben, nicht alle gleich. Das ist berechtigt. Es gibt eine Rangordnung in der Liebe. Es ist natürlich, dass Eltern ihre eigenen Kinder mehr lieben als die Nachbarskinder oder die hungerleidenden Kinder in armen Ländern. Mehr lieben heißt nicht, die anderen nicht zu lieben.


Die alten Meister sprechen deshalb von der „Ordnung der Liebe“. Das vierte der Zehn Gebote sagt: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Wir sind unseren eigenen Eltern Dank und Achtung schuldig. In diesem Sinn sollen und dürfen wir sie mehr lieben als Verwandte, Bekannte oder ganz Fremde.


In der Rangordnung der Liebe stellt sich Jesus klar an die erste Stelle: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ Das klingt auf den ersten Blick sehr anmaßend. Ich kann es aber für mich mit einer ganz persönlichen Erfahrung bestätigen. Jesus übertreibt nicht. Er bietet eine wichtige Hilfe für das Leben an.


Ich war 13 Jahre alt, als sich meine Eltern getrennt haben: Scheidung! Es ist und bleibt eine Wunde fürs ganze Leben. Es hat aber bei mir etwas bewirkt, was auch Kinder aus intakten Ehen lernen müssen: Die Eltern sind nicht der liebe Gott! Sie sind auch nur Menschen. Wir dürfen und sollen sie lieben. Wir hoffen und vertrauen, dass sie uns lieben, auch wenn sie in ihrer gegenseitigen Liebe gescheitert sind.

 

Heute kann ich im Rückblick sagen: Die persönliche Beziehung zu Jesus, der Glaube an Gott, hat mir damals ganz praktisch geholfen. Ich musste meine Eltern nicht weniger lieben dadurch, dass ich ein Mehr an Liebe zu Gott gespürt habe.

Ich glaube, dass menschliche Liebe in allen ihren Formen am besten gelingt, wenn sie Gott den ersten Platz lässt. Das ist keine Frömmelei, sondern der nüchterne Blick auf die Tatsachen. Wir sind alle Geschöpfe. Wir haben alles, was wir sind, empfangen, auch die Gabe, unser Leben zu gestalten. Die größte Gabe Gottes ist es, lieben zu können.


Kein Mensch kann für den anderen die Stelle Gottes einnehmen. Es ist gegen die gute Ordnung der Liebe, den geliebten Menschen zu vergöttlichen. Damit täten wir dem anderen Unrecht. Liebe braucht, wenn sie echt sein soll, das gegenseitige Freigeben und Loslassen. Nur so können wir einander dauerhaft lieben, auch in den schweren Zeiten.


Jesus gibt diesen schweren Zeiten den einfachen Namen: Kreuz. Es fasst alles zusammen, was an Prüfungen, Krankheit und Leid im Leben vorkommt. Jesus hat, ganz wörtlich, sein Kreuz auf sich genommen. Wie für jeden das eigene Kreuz aussieht, kann ganz unterschiedlich sein. Gemeinsam ist uns allen die Frage, ob wir es zu tragen bereit sind. Auch da hilft es, auf Jesus zu schauen. Sein Kreuz war nicht die Endstation. Es war der schwere Durchgang zum vollendeten Leben.


Zur Ordnung der Liebe gehört auch die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Konkret ist es die Frage, wie wir aufeinander zugehen, uns an- und aufnehmen. Liebe geht über sich hinaus; sie bleibt nicht bei sich stehen. Jesus drückt das in der schlichten Geste des Bechers frischen Wassers aus, den wir „einem von diesen Kleinen“ reichen. So einfach kann das „Mehr“ an Liebe sein!

 

Matthäus 10,37–42
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

 

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