Schau auf dich selber! Denk an dich! Du hast Vorrang! – Nein, die anderen haben Vorrang! Denk an deinen Nächsten! Es ist ein lebenslanges Ringen um das rechte Maß zwischen beidem: der Sorge um mich selbst und dem Dasein für die anderen. Die Bibel fasst es in ein knappes Wort: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Beides sollen wir unter einen Hut bringen: den Nächsten lieben, ohne dabei uns selber zu vergessen. Was aber tun, wenn zwischen beidem ein Konflikt entsteht? Hat dann das eine vor dem anderen Vorrang? Wir können über diese Frage endlos diskutieren, im täglichen Leben brauchen wir praktische Lösungen. Dabei helfen uns am besten gelebte Beispiele. Das heutige Evangelium ist ein solches.
Jesus hat zweifellos die Nächstenliebe in die Mitte seines Lebens gestellt. Er hat aber auch auf sich selber geschaut. Immer wieder zieht er sich zurück, um allein zu sein, vor allem um zu beten. Einmal sagt er ausdrücklich zu seinen Jüngern: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen.“ Heute würden wir sagen: Jesus hat zum Urlauben eingeladen.
Es ist nichts Neues, dass ein Urlaub manchmal ganz anders verläuft als geplant. Aus der Stille in einer einsamen Gegend wurde nichts. Die Menschen folgten Jesus zu Fuß nach, in Scharen. Als er aus dem Boot ausstieg, „sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen“. Mich beeindruckt, dass Jesus nicht verärgert reagiert. Er stellt sich sofort auf die neue, überraschende Situation ein. Er schaut nicht zuerst auf sein berechtigtes Ruhebedürfnis, sondern auf die Not der vielen hilfesuchenden Menschen. Er nimmt sich Zeit für die Kranken, die man zu ihm bringt oder die ihm selber nachgelaufen kamen. Ich glaube, viele Menschen machen die Erfahrung, dass ihnen in solchen Momenten Kräfte geschenkt werden, die sie ihre Müdigkeit und Erschöpfung überwinden lassen. Mitgefühl mobilisiert unsere Energien.
Ich versuche mir die Gesichter und Gefühle der Jünger Jesu vorzustellen. Aus ihrer „Ferienzeit“ wird nichts. Der Meister scheint unerschöpfliche Kraftreserven zu haben. Bis zum Abend ist er bei den Kranken und spricht den Menschen Mut und Hoffnung zu. Wann kommt endlich die ihnen versprochene Ruhe? „Schick die Leute weg!“ Ganz unverblümt denken die Jünger Jesu an sich selber und kleiden ihre eigenen Wünsche in Worte des Mitgefühls für die vielen Menschen: „Sie sollen in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen!“ Die Antwort Jesu bleibt bis heute eine große Herausforderung: „Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!“ Wie soll das gehen, mit nur fünf Broten für 5.000 Menschen? Das Unglaubliche geschah vor ihren Augen: Alle wurden satt! Ausruhen konnten sich an diesem Tag weder Jesus noch seine Jünger. Sie hatten gar keine Zeit, an sich zu denken. Das Glück und die Freude, die sie damals erlebten, waren die beste Erholung.
Matthäus 14,13-21
In jener Zeit, als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war, zog er sich allein von dort mit dem Boot in eine einsame Gegend zurück. Aber die Volksscharen hörten davon und folgten ihm zu Fuß aus den Städten nach. Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen und heilte ihre Kranken. Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät geworden. Schick die Leute weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen! Jesus aber antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische hier. Er antwortete: Bringt sie mir her! Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten, und alle aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrig gebliebenen Brotstücke ein, zwölf Körbe voll. Es waren etwa fünftausend Männer, die gegessen hatten, dazu noch Frauen und Kinder.