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Mt 14,22–33 - Stille und Staunen

Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag, dem 9. August 2026

09.08.2026
Jesus und der sinkende Petrus auf dem Meer
© Erzdiözese Wien/ Schönlaub
Jesus und der sinkende Petrus auf dem Meer
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Stille ist ein kostbares Gut. Wir brauchen sie lebensnotwendig, schon allein, um gut schlafen zu können. Staunen ist die Fähigkeit, über den Tellerrand des Alltags hinaussehen zu können. Beides kommt im heutigen Evangelium vor, wenn wir es näher betrachten. Es spricht nicht nur von längst vergangenen Ereignissen. Es wirft Licht auf Lebenssituationen, die jeden betreffen können. Darum ist das Evangelium eine unerschöpfliche Quelle für alle, die sich darauf einlassen.

 

Am Anfang steht das dringende Bedürfnis Jesu, allein zu sein. Ein langer Tag geht zu Ende. Tausende Menschen hatten Jesus gesucht. Den ganzen Tag haben sie Jesus zugehört. Er hat viele geheilt und schließlich auch noch auf wunderbare Weise allen reichlich Brot zu essen gegeben. Jetzt will er nur noch eines: allein sein, in der Stille, zum Beten. Dazu steigt er auf eine Anhöhe, einen Berg nahe dem See Gennesaret. Mir ist die Gegend sehr vertraut. Ich durfte oft stille Tage dort verbringen.

 

Stille ist so kostbar in unserer hektischen, lauten Zeit. Allzu oft haben wir Angst vor der Stille, halten sie nicht aus. Ständig haben wir eine Geräuschkulisse: Radio, Fernsehen, Handy, Gespräch. Selbst beim Beten ist es nicht leicht, wirklich still zu werden. Jesus hat gesagt, wir sollen beim Beten nicht viele Worte machen. Gott weiß schon, was wir brauchen. Mich beeindrucken Menschen, die ich beim stillen Beten beobachte. Ich versuche in meinem Alltag bewusst Momente der Stille zu suchen, Pausen im täglichen Trubel.

 

In dieser Nacht betet Jesus lange, fast bis zur Morgendämmerung, der „vierten Nachtwache“. Vom Berg sieht er gut auf den See. Er sieht das Boot, in dem die Jünger sich mit dem Rudern abmühen, „denn sie hatten Gegenwind“. Das ist uns wohlbekannt: Gegenwind aller Art, Mühsal im Beruf, in der Familie. Nichts geht weiter, alles wird schlimmer. Es geht uns wie dem Schiff, das „von den Wellen hin und hergeworfen wird“.

 

Jesus kommt den Jüngern schließlich zu Hilfe. Warum so spät? Er sieht, wie sie mühsam mit Wind und Wellen kämpfen. So scheint es immer wieder zu sein: Wir haben schwer zu rudern. Wir erleben uns als allein in unserer Not. Jesus ist am Berg, „um für sich allein zu beten“. Für wen? Nur für sich oder für alle, die sich plagen und abmühen? Die Antwort gibt Jesus: Er kommt über das aufgewühlte Wasser auf sie zu. Die erste Reaktion ist panische Angst. Es ginge uns kaum anders, wenn wir so etwas erleben würden: Das kann nur ein Gespenst sein, das da über das Wasser gehend auf uns zukommt.

 

Das Wort, mit dem Jesus sich zu erkennen gibt, ist für mich und viele die große Hilfe im Leben: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ Auch die Erfahrung des Petrus ist uns wohlbekannt: Er wagt es, im Vertrauen auf Jesus aus dem sicheren Boot auszusteigen und auf ihn zuzugehen. Das kann viel Verschiedenes sein: ein Berufswechsel, ein neuer Lebensabschnitt, ein Flüchtlingsschicksal, immer mit der Gefahr verbunden, unterzugehen. Wie oft kommt auch heute der Hilfeschrei: „Herr, rette mich!“ Wenn die rettende Hand spürbar wird, sich der Wind legt und große Stille eintritt, dann kann das Staunen kommen: „Herr, wie groß bist du!“

 

 

Matthäus 14, 22-33

Nachdem Jesus die Menge gespeist hatte, drängte er die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um für sich allein zu beten. Als es Abend wurde, war er allein dort. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus. Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.

 

 

 

 

 

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