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Mt 15,21–28 - Wir und die anderen

Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn am 16. August 2026

16.08.2026
© By Annibale Carracci - [2], Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32806008
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Es ist unvermeidlich, dass wir von „uns“ und den „anderen“ sprechen. So ist das Leben. Die eigene Familie ist uns vertraut. In ihr sind wir unter uns. Hier haben wir ein „Wir-Gefühl“. Es bedeutet Zugehörigkeit. Nirgendwo dazuzugehören, ist unerträglich. Deshalb gibt es „Fanclubs“ im Fußball, in der Musik, in Vereinen. Auch Religion gehört dazu. Die eigene Glaubensgemeinschaft vermittelt Beheimatung. Das „Wir“ grenzt auch von denen ab, die nicht zu „uns“ gehören. Das ist an sich etwas Normales und Notwendiges. Die anderen sind eben nicht „wir“. Ist damit auch automatisch eine Abwertung der anderen verbunden? Gibt es ein unvermeidliches Gefälle zwischen „uns“ und „den anderen“? In der Welt scheint das tatsächlich so zu sein. In der Religion sieht es nicht besser aus. Das heutige Evangelium liefert dafür ein aufschreckendes Beispiel.


Jesus begibt sich auf seinen „Missionsreisen“ über die Grenzen des heimatlichen Galiläa hinaus ins heidnische Nachbargebiet. Er zieht sich dorthin zurück, um sich dem Rummel zu entziehen, der ihn überall „bei uns“ in Galiläa erwartet. Seine Anwesenheit bei „den anderen“ bleibt nicht verborgen. Sein Ruf als Heiler ist grenzüberschreitend. Eine heidnische Frau bittet ihn, den Juden, ihre Tochter von ihrem Leiden zu befreien. Was jetzt folgt, ist ein klassischer Fall von Abgrenzung: Jesus redet nicht einmal mit der Frau. Seinen eigenen Leuten ist das Geschrei der Heidin peinlich: „Schick sie weg!“ Jesu Abweisung könnte nicht klarer sein: Mein Auftrag gilt den Juden, nicht den Heiden! Das „Wir“ hat Vorrang vor „den anderen“! Kann man sich da über Jesus ärgern? Wir tun das doch laufend! Wir Österreicher und nicht all die anderen! Wir Christen und nicht die Andersgläubigen oder die Ungläubigen.


Was jetzt folgt, ist noch erschreckender und geschieht doch täglich. Die Frau fleht Jesus kniefällig an: „Herr, hilf mir!“ Seine Antwort schockiert: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und es den kleinen Hunden vorzuwerfen.“ Die Kinder sind die Juden, die anderen sind die Hunde. Bevor wir Jesus kritisieren, fragen wir uns selbst, wo wir über andere so denken und sprechen. Am Judenplatz in Wien werden auf einer mittelalterlichen Tafel die Juden als Hunde bezeichnet und ihre Massenverbrennung als Taufe gefeiert. Im 20. Jahrhundert ging die Verachtung „der anderen“ (Juden, Roma, Behinderte) bis zum Unfassbaren. Sie gelten als Ungeziefer, das vernichtet gehört.


Was ging in Jesus vor sich, dass er solche Worte sagen konnte? Die Antwort gibt eine „andere“, die heidnische Frau. Sie widerspricht Jesus nicht. Sie weiß, dass sie kein Anrecht auf Jesu Hilfe hat. Ihr Argument ist berührend einfach: Auch die Hunde dürfen essen, was vom Tisch ihrer Herren fällt. Wer von uns, in dieser tierliebenden Zeit, versteht nicht das herzhafte Wort dieser Frau: Auch das Hündlein unter dem Tisch gehört zu unserem „Wir“. Es ist doch kein Fremder! Wir gehören alle zueinander! Jesus staunt über diese Frau: „Dein Glaube ist groß!“ Und ihre Tochter ist geheilt. Hat Jesus durch sie dazugelernt? Sicher will Jesus uns allen das eine Wichtige zeigen: Es geht nicht um „wir“ und „die anderen“, sondern um „wir alle füreinander“.

 

Matthäus 15, 21-28
In jener Zeit zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

 

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