Im heutigen Evangelium geht es um eine Urfrage des Menschen. Jesus spricht sie klar aus, als er Petrus vorwirft: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Zwei Willen stehen gegeneinander, der unsere und der Gottes. Woran entzündet sich der Konflikt? Unter uns Menschen steht oft Willen gegen Willen: „Meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich wohl will“, heißt es im Märchen vom Fischer und seiner Frau. Jesus geht in seinem Wort an Petrus davon aus, dass es trotz allem Streit unter uns Menschen so etwas gibt wie einen gemeinsamen Willen, etwas, „was die Menschen wollen“, nicht aber Gott. Fragen wir uns also, was wir alle wollen. Mir kommt dabei als Erstes in den Sinn: Wir wollen alle soweit und so lange wie irgend möglich dem Leiden entkommen. Deshalb wünschen wir einander ständig: „Gesund bleiben! Das ist das Wichtigste!“ Es stimmt schon: Über die Gesundheit hat sich noch nie jemand beklagt. Keiner wacht in der Früh auf und sagt: „Schrecklich! Schon wieder diese Gesundheit!“ Ein großer Teil der Werbung gilt der Gesundheit: Wie kann ich schmerzfrei und gesund bleiben? Wie das Leid mindern?
So denken und wollen wir Menschen, und das ist gut so. Auch Petrus wollte das, nicht nur für sich, sondern für Jesus, den er eben als Messias und Sohn Gottes bekannt hatte. Genau in diesem Moment beginnt Jesus vom Leiden zu sprechen, nicht wie von einer Krankheit, mit der er sich abfinden müsste, sondern von einem bewusst und freiwillig gewählten Leiden. Niemand hat ihn gezwungen, sich der Gefahr auszusetzen, die ihn in Jerusalem erwartete. Er sagt aber klar, dass er es tun müsse, weil es der Wille Gottes sei. Er müsse „vieles erleiden, getötet und am dritten Tag auferweckt werden“.
Das war Petrus eindeutig zu viel: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ Nie hat Jesus jemanden so scharf zurechtgewiesen: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir! Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen!“ Will Gott, dass wir zum Leiden Ja sagen? Ehe wir sagen, das wäre unmenschlich, fragen wir, ob es Situationen gibt, in denen Menschen aus guten Gründen zu einem Leiden Ja sagen. Mir kommt als einfachstes Beispiel das Ja zum Kind in den Sinn. Die Geburt eines Kindes, auch wenn es sehr erwünscht ist, geht nicht ohne Schmerzen ab, die wir Männer uns nicht vorstellen können. Dieser Bereitschaft zum Leiden verdanken wir alle unser Leben.
Genau davon spricht Jesus im Folgenden. Wer den Weg mit ihm gehen will, „nehme sein Kreuz auf sich“. Das klingt herb und nüchtern. Jesus verbindet es aber mit einer Verheißung, die das Leben voll bejaht: Du kannst das Leben nur gewinnen, wenn du es zu geben bereit bist: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren.“ Wir leben alle davon, dass wir nicht nur für uns selber leben. Nirgendwo wird das deutlicher als im Umgang mit dem Leid. Hier erleben wir die berührendsten Beispiele der Menschlichkeit. Trotzdem bleibt die Frage: Will Gott das Leid, das wir Menschen nicht wollen? Jesus hat mit seinem Leiden die Antwort gegeben. In dieser Welt gibt es kein Leben ohne Leid, aber es hat nicht das letzte Wort: Ein Leben ohne Tränen und Leid wartet auf uns. Bis dahin ist geteiltes Leid schon halbes Leid.
Matthäus 16, 21–27
In jener Zeit begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären: Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden, getötet und am dritten Tag auferweckt werden. Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen, und sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und dann wird er jedem nach seinen Taten vergelten.