Soll ich es sagen oder lieber schweigen? Er hat mich gekränkt, verletzt. Ich zögere, es ihm direkt zu sagen. Wie wird er reagieren? Gibt es Krach oder doch Einsicht? Kommt es zur Klärung oder eskaliert der Konflikt? In diesem Hin- und Herüberlegen passiert mir immer wieder das Falsche: Statt ihn anzusprechen, schütte ich mein Herz anderen gegenüber aus. Es ist viel leichter, sich durch Tratschen Luft zu machen, als mit der betreffenden Person direkt zu reden. Genau von dieser Situation spricht Jesus heute im Evangelium: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht!“
Warum fällt es uns so schwer, Fehler der anderen direkt mit ihnen zu besprechen? Ist es Feigheit, falsche Scheu, Angst, abgewiesen zu werden? Andererseits tut mir das verletzende Verhalten des anderen weh. Es vergiftet die Beziehung und ruft nach Heilung und Versöhnung. Stattdessen tragen wir selber zur weiteren Vergiftung bei: Wir richten den Schuldigen in seiner Abwesenheit aus, schaffen es aber nicht, ihm gegenüber ein offenes und ehrliches Wort zu sagen. Wir übersehen dabei, dass wir uns auf diese Weise ihm gegenüber schuldig machen. Ich glaube, viel Schuld an den vielen Konflikten unter uns liegt genau daran, dass wir es verabsäumen, „unter vier Augen“ zu sprechen. Es geht nicht darum, dass wir uns zu Anklägern erheben, sondern den, der sich schuldig gemacht hat, im Herzen zu erreichen. Jesus sagt es klar: „Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.“ Nur in der Vertrautheit des ganz persönlichen Gesprächs können ernste Fehler und Sünden angesprochen werden. Wenn ich den anderen auf ein Fehlverhalten hinweise, darf ich nicht so tun, als wäre ich fehlerlos. Ich werde aber an ihm schuldig, wenn ich es nicht anspreche. Einfach wegzuschauen, wie der andere in sein Unglück läuft, macht mich mitschuldig. Ich kann ihn nicht zwingen, aber sagen muss ich es ihm. Es gehört zu den schönsten Freuden im Leben, wenn Versöhnung gelingt.
Jesus geht noch einen Schritt weiter: Unsere Fehler und Sünden schaden nicht nur uns selber, sie verletzen immer auch die Gemeinschaft. Dafür gibt Jesus Regeln, die sich bis heute bewährt haben. Sie sehen behutsame Schritte vor, die etwas ganz anderes sind als die öffentlichen „Hinrichtungen“ in den digitalen Medien. Auf ein erfolgloses Vier-Augen-Gespräch soll im kleinen Kreis vertraulich mit dem Betroffenen gesprochen werden. Immer geht es um ehrliche Umkehr, um ein echtes Aufeinander-Zugehen. Sollte auch dieses scheitern, bleibt nur die Trennung übrig. Sie ist manchmal unvermeidlich, aber ehrlich. Trotzdem hat sie nicht das letzte Wort. Es steht alleine Gott zu, auch dann, wenn menschliche Versöhnung gescheitert ist. Dann bleibt immer noch die Möglichkeit übrig, die Jesus am Schluss anspricht: „Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.“ Was wir bei allem Bemühen als Menschen nicht schaffen, dürfen wir von Gott erbitten. Wo kein Vier-Augen-Gespräch hilft, alle Versöhnungsversuche ins Leere laufen, bleibt immer noch die Hoffnung, dass Gott die Herzen füreinander öffnet. Deshalb ist das gemeinsame Gebet um Frieden vielleicht viel mächtiger, als wir es zu hoffen wagen.
Matthäus 18, 15–20
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.