Wasser predigen und Wein trinken – so bringt der Wiener das alte Dilemma auf den Punkt: Unser Reden und unser Tun sind oft weit voneinander entfernt. Schauen wir dabei nicht gleich auf die Politiker, die viel reden müssen, in ihrem Handeln aber meist durch viele Zwänge begrenzt sind. Uns geht es im Kleinen nicht viel besser als ihnen im Großen. Ein mächtiger Politiker hat vor seiner Wahl versprochen, er werde in einem Tag den Krieg Russlands gegen die Ukraine beenden. Dieser Tag dauert nun schon fast zwei Jahre. Er ist noch immer nicht zu Ende. Es fällt uns nicht schwer, über die großen Worte der anderen zu spotten, denen oft die entsprechenden Taten weit hinterherhinken. Wie geht es uns selber damit?
Warum erzählt Jesus dieses kurze Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen? Wen meint er damit? Beiden Söhnen gibt der Vater einen klaren Arbeitsauftrag. Beide wissen, was sie zu tun haben. Trotzdem sagt der eine frech: „Ich will nicht!“ Der andere antwortet dem Vater untertänig: „Ja, Herr“. Den ersten reut später sein harsches Nein. Er geht arbeiten. Der zweite bleibt trotz seinem Ja der Arbeit fern. „Wer von beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der erste!“ Genauso würden wir antworten, wenn Jesus uns die Frage gestellt hätte. Eine andere Antwort wäre gar nicht möglich. Uns allen ist es klar, wenn wir ehrlich sind: Nicht was ich sage, sondern was ich wirklich tue, ist entscheidend.
Ebenso entscheidend ist in diesem Gleichnis, dass es bei beiden Söhnen zu einer Veränderung kam zwischen dem, was sie sagten, und dem, was sie schließlich taten. Um diese Änderung geht es, nicht nur im Gleichnis, sondern im eigenen Leben. Jesus nennt in seinem bewundernswert knappen Gleichnis das Schlüsselwort für diese Veränderung: „Später aber reute es ihn und er ging hinaus“, um im Weinberg zu arbeiten. Reue ist der Anfang der Umkehr. Ohne sie gibt es keine positive Veränderung.
Ich bin sicher nicht der Einzige, der diese Erfahrung immer wieder gemacht hat: Ein verletzendes Wort ist mir herausgerutscht. Es tut mir leid. Es reut mich. Es lässt mir keine Ruhe, bis ich innerlich zur Umkehr finde und um Entschuldigung bitte. Für Jesus ist die Reue das Tor zum neuen Leben. Er schildert in drastischen Worten, was er selber erlebt hat: „Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ Jesus hat gesehen, wie die Menschen scharenweise zu Johannes an den Jordan gekommen sind, um sich von ihm taufen zu lassen. Sie waren von seinem Wort und seinem überzeugenden Leben tief berührt. „Die Zöllner und Dirnen haben ihm geglaubt“, wie sie dann auch Jesus geglaubt haben, auch wenn ihr Leben zuerst ein „Nein, ich will nicht“ war.
Was will Jesus mit dem anderen Sohn des Gleichnisses sagen, dem frommen Ja-Sager, der dann aber nicht arbeiten geht? Auch bei ihm kam es zu einer Veränderung. Er hat zwar fromm gesprochen, sein Herz war aber hart geworden. Er steht für die Menschen, die sich weder von Johannes noch von Jesus haben berühren lassen. Sie haben die vielen guten Veränderungen bei den „Sündern“ gesehen, „und haben nicht bereut und nicht geglaubt“. Es ist die Haltung der Selbstgerechten, die sich für besser halten als die anderen. Es sind die Gleichgültigen, die schöne Sonntagsreden halten, aber sich von der Not nicht berühren lassen. In welchem Sohn sehe ich mich selber? Jesus lässt es offen. Er droht nicht. Er zeigt nur, dass es für keinen der beiden zu spät ist, doch noch in den Weinberg zu gehen.
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der erste. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.