Eine Einladung ist ein Angebot, kein Zwang. Sie kann angenommen oder abgelehnt werden. Man kann sie als ehrenvoll oder als lästig empfinden, dafür danken oder nicht einmal darauf antworten. In den vielen Jahren meines Dienstes habe ich zahlreiche Einladungen erhalten, mehr als ich annehmen konnte. Sehr oft musste ich absagen, was mir nicht immer leichtgefallen ist. Mühsam war das Unterscheiden: wichtig, sehr wichtig, dringend, verschiebbar, hochoffiziell, privat, erfreulich, mühsam. Jede Einladung wurde erwogen, jede Antwort überlegt. Am Schluss musste entschieden werden: Ja oder nein! Bis heute sind die Einladungen Freude, Herausforderung, auch Mühe.
Wer eine Einladung annimmt, stellt sich darauf ein, lässt sich auf die Gastgeber ein, ist bereit, ihnen zu begegnen. Jesus hat seinen Weg als Einladung verstanden. Er hat niemanden gezwungen, sie anzunehmen. Im heutigen Gleichnis hat die Einladung freilich ein großes Gewicht. Der König steht für Gott, sein Sohn für Jesus. Wer vom König persönlich eingeladen wird, ist „unter Zugzwang“. Ablehnen ist äußerst unhöflich. Die Geladenen „aber wollten nicht kommen“. Der König drängt: „Alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!“ Die Situation eskaliert. Die Geladenen werden gewalttätig. Der König antwortet mit noch größerer Gewalt. Was bleibt übrig von der großen Einladung? „Schutt und Asche!“
Wie ist das bei unseren Einladungen? Wir sind frei, sie anzunehmen oder sie abzulehnen. Im letzteren Fall werden wir vielleicht nicht mehr eingeladen werden. Wie ist das, wenn Gott selber der Einladende ist? In der Logik des Gleichnisses Jesu wird den Eingeladenen mit ernsten Folgen gedroht, wenn sie nicht kommen. „Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren nicht würdig.“ Jesus erzählt dieses Gleichnis in einer kritischen Situation: Werden die führenden jüdischen Autoritäten ihn annehmen oder verwerfen? Die große Einladung wird zur ernsten Drohung. Mich erschreckt und erschüttert, wieviel Judenfeindlichkeit jahrhundertelang aus diesen und ähnlichen Worten Jesu abgeleitet wurde. War das Jesu Absicht?
Die Frage klärt sich, wenn wir das Gleichnis weiterlesen. Denn dabei geht es nicht mehr nur um die Juden, sondern um alle Menschen, also auch um uns selber. Der König lädt einfach alle Leute ein. Die große Einladung gilt nun ohne Unterschied allen, „Bösen und Guten, und der Festsaal füllte sich mit Gästen“. Alle sind willkommen. Eine Einschränkung macht betroffen. Der König sieht „einen Menschen, der kein Hochzeitsgewand anhatte“. Warum hat er es gewagt, so zur Hochzeit zu kommen? Darauf weiß er keine Antwort. Der König gibt sie: „Werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis!“ So endet für ihn die große Einladung. Der Schlusssatz macht die Lage nicht besser: „Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt.“
Hat Jesus nur einen kleinen, erlesenen Kreis um sich sammeln wollen? Wird das „Himmelreich“ nur für Ehrengäste Platz haben, wie es bei unseren weltlichen Gastmählern oft der Fall ist? Ich will den Ernst der Worte Jesu nicht verharmlosen. Ich glaube, Jesus will mit diesem Gleichnis daran erinnern, dass Gott seine große Einladung ernst meint. Es liegt ihm alles daran, dass wir sie nicht ausschlagen und wirklich kommen. Wir sind erwartet!
Matthäus 22,1-14
In jener Zeit erzählte Jesus den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen. Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Siehe, mein Mahl ist fertig, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden, wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen. Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren nicht würdig. Geht also an die Kreuzungen der Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein! Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen. Als der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Menschen, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Er sagte zu ihm: Freund, wie bist du hier ohne Hochzeitsgewand hereingekommen? Der aber blieb stumm. Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein. Denn viele sind gerufen, wenige aber auserwählt.