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Mt 22,34–40 - Es wäre so einfach!

Gedanken zum Evangelium von Kardinal Christoph Schönborn am 25. Oktober 2028.

25.10.2026
© Georg Schimmerl
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Wer kann sich im Wald der Gesetze und Gebote auskennen? Die staatlichen Gesetze sind zahllos, die religiösen Vorschriften sind weniger an Zahl, aber immer noch viele. In der Tora, den fünf Büchern Mose, zählt man 613 Gebote und Verbote. Wer kann sich das alles merken? Deshalb bietet schon die Bibel eine Kurzfassung in Form der Zehn Gebote. Im Religionsunterricht in meiner (fernen) Kinderzeit mussten wir sie auswendig lernen. Seit jeher stand die Frage im Raum: Sind alle Gebote gleich wichtig? Gibt es Haupt- und Nebengebote? Sicher ist das Gebot, nicht zu töten, ganz zentral. Die Vorschrift, vor dem Essen die Hände zu waschen, kann nicht gleich wichtig sein. Wo ist etwas ganz strikt einzuhalten? Wo darf man ein wenig „schummeln“? Ein Meineid ist doch wohl schlimmer als eine Notlüge!

 

Wer anfängt, die Gebote und Verbote in mehr oder weniger wichtige einzuteilen, endet in Spitzfindigkeiten. Genau das versucht der Schriftgelehrte im heutigen Evangelium: „Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“ In aller Ruhe und Klarheit gibt Jesus die Antwort. Sie ist kurz und bündig: Das erste und wichtigste Gebot ist es, Gott ganz und gar zu lieben, mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Denken. Nicht weniger wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Alles hängt an diesen beiden Geboten.

 

Das klingt so einfach! Wozu dann noch die 613 Einzelgebote? Wozu auch nur die 10 Gebote? Der heilige Augustinus scheint wirklich zu glauben, dass es nicht mehr als das Doppelgebot der Liebe braucht: „Liebe, und dann tu, was du willst.“ Genügt die Liebe, um uns in all den schwierigen Fragen des Lebens zu orientieren? Beantwortet das Liebesgebot alle Probleme, die sich uns täglich stellen? Jesus gibt auf diese Frage eine einfache Antwort. Man nennt sie die goldene Regel. Sie ist in dieser oder ähnlicher Form in allen Religionen zu finden: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“

 

Es wäre so einfach, wenn wir uns entschieden an die goldene Regel hielten. Niemand wünscht sich, gehasst, verachtet, verleumdet zu werden. Warum tun wir es anderen an? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – dieses Gebot bedeutet Gegenseitigkeit, ganz praktisch: sich in die Situation des anderen hineindenken, ihm so begegnen wie ich es mir für mich wünsche.

 

Es ist im Grunde ganz einfach. Nur wir sind es nicht! Daran leidet unser Miteinander. Wir schaffen es nicht, aus unserem „Ich, ich!“ zum „Du!“ zu kommen. Oft habe ich mich gefragt, wie es möglich ist, einen anderen Menschen zu foltern. Es geschieht in erschreckendem Maß, an vielen Orten. Wir brauchen gar nicht so weit zu gehen, um zu sehen, wie wenig oft die Liebe gelebt wird. Und doch ist sie das, was wir alle am meisten ersehnen.

 

Bei Hochzeiten wird gerne ein berührender Text des heiligen Paulus gelesen: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie handelt nicht ungehörig, sie sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach, … sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem Stand. Die Liebe hört niemals auf.“ Es wäre doch alles so einfach, wenn die Liebe mehr geliebt würde.

 

Matthäusevangelium 22,34–40

In jener Zeit, als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

 

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