Ein Wort des Dichters und Schriftstellers Franz Werfel (1890–1945) hat mich nachdenklich gemacht, gerade in diesen Tagen von Allerheiligen und Allerseelen: „Man soll gegenüber jedem Menschen so handeln, wie man wünschte, gestern gehandelt zu haben, wenn man heute erfährt, dass er gestern gestorben ist.“ In diesen Tagen wird überall der Toten gedacht. Ich habe nachgedacht, ob ich Verstorbenen gegenüber schon solche Gedanken hatte, wie Werfel sie anspricht. Ein schmerzliches Beispiel unter anderen ist mir in den Sinn gekommen. Es war ein Versäumnis. Ich habe einen Besuch zu lange hinausgeschoben. Der Tod kam mir zuvor. Franz Werfel spricht an, was jederzeit geschehen kann. Wir wissen es, niemand kann es leugnen: Wir sind alle sterblich! Soll ich deshalb ständig an den Tod denken, auch mitten im normalen Alltag? Der heilige Jakobus schreibt nüchtern, wie wir damit umgehen können: „Ihr sagt: Heute oder morgen werden wir in diese oder jene Stadt reisen … Ihr wisst doch nicht, was morgen mit eurem Leben sein wird … Ihr sollt lieber sagen: Wenn der Herr will, werden wir noch leben und dies oder jenes tun.“ Bei allen unseren Plänen und Programmen einfach „so Gott will“ dazuzusagen, ist keine Ängstlichkeit, sondern Ausdruck des Gottvertrauens. Es hilft, uns an die Vergänglichkeit zu erinnern. Genau deshalb gehen viele in diesen Tagen zu den Gräbern ihrer Lieben.
Ist das alles? Nüchtern schreibt Jakobus in seinem in der Bibel überlieferten Brief: „Rauch seid ihr, den man eine Weile sieht, dann verschwindet er.“ Wer erinnert sich an die eigenen Vorfahren früherer Zeiten? Wie weit zurück reicht unser Totengedenken? Allerheiligen, das wir heute feiern, öffnet eine ganz andere Sicht, in der nicht der Tod, sondern das Leben im Mittelpunkt steht, nicht das wie Rauch und Nebel verwehende, sondern das unzerstörbare, das ewige Leben. Das Evangelium zum heutigen Allerheiligentag spricht von Freude und Glück, die uns erwarten. Jesus hat in den acht „Seligpreisungen“ die Wegroute zum ewigen Glück gezeigt, dem der Tod nichts anhaben kann.
Das Erstaunliche an den „Seligpreisungen“ ist die Zusicherung, dass dieses Glück jetzt schon zu haben ist, auch wenn seine volle Verwirklichung noch aussteht. Die Freude, die Jesus verspricht, heißt Hoffnung. Es gibt keine traurige Hoffnung, aber es gibt Hoffnung inmitten der Trauer: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ Ist diese Hoffnung so verlässlich, sodass jemand dank der Hoffnung eine tiefe Trauer bewältigen kann? Vertröstung ist kein echter Trost. Falsche Hoffnungen sind eben keine Hoffnung, sondern eine Täuschung, der ein bitteres Erwachen folgt. So ist die Frage bei jedem Friedhofsgang: Gehen wir alle nur dem Tod entgegen? Bleiben von uns Staub und Asche und eine Erinnerung, die spätestens in zwei oder drei Generationen verblasst?
Mir hilft es, Allerseelen und Allerheiligen zusammenzusehen. Heuer sind es 800 Jahre, seit Franziskus von Assisi gestorben ist. Zu seinem Grab sind in diesem Gedenkjahr Millionen Menschen gepilgert, nicht zu einem Toten, sondern einem höchst Lebendigen: Er hat die Seligpreisungen Jesu gelebt und dadurch eine Freude ausgestrahlt, die bis heute ansteckt. Der Stern seiner Hoffnung war Jesus. Ihm wollte er nachfolgen. Alle die vielen Menschen, die im Heiligenkalender stehen, haben es auf ihre Weise getan, glaubwürdig, überzeugend. Und die zahllosen anderen, deren Namen niemand mehr kennt, die alle gestorben sind und deren Leben mehr oder weniger geglückt war und zu denen wir wahrscheinlich selber gehören werden? Mir ist ein Wort Jesu der Stern der Hoffnung: „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen … Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten.“
Matthäus 5, 1-12a
In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.