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Der Stoff, aus dem die Heiligen sind

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 1.11.2001, Allerheiligen

(Mathäus 5, 1-12a)

 

01.11.2001
© Rupprecht@kathbild.at

An Allerheiligen wird der Abschnitt aus dem Evangelium gelesen, der, so möchte ich sagen, die Herzmitte der Botschaft Jesu darstellt: die acht "Seligpreisungen". Ihre Bedeutung wird schon sichtbar, wenn wir Ort und Art ihrer Ankündigung betrachten.

 

Wir sind am Seeufer, auf jener Anhöhe, die heute noch "Berg der Seligpreisungen" genannt wird. Es ist ein einmalig schöner Anblick, der sich bietet: vor uns der ganze See Genesareth, links die Golanhöhen, rechts öffnet sich das Taubental, durch das man nach Nazareth hinaufgehen kann. Eine große Menschenmenge hat sich versammelt. Jesus beginnt zu ihr zu sprechen, genauer zu seinen Jüngern, die später einmal die Lehre des Meisters in alle Welt hinaustragen sollen.

 

Die ganze Szene erinnert an eine andere für das jüdische Volk grundlegende Szene: damals, auf einem anderen Berg, dem Sinai, hatte Gott durch Mose dem Volk die zehn Gebote mitgeteilt, um allen Menschen den Weg zu einem geglückten Leben und Zusammenleben zu weisen. Jetzt gibt Gott durch seinen Sohn Jesus Christus noch einmal eine Wegweisung, nicht mehr in der Form von Verboten, sondern von Verheißungen: Selig, wer auf den Wegen geht, die hier gezeigt werden. Er hebt damit nicht die zehn Gebote auf, sondern spitzt sie zu.

 

"Du sollst nicht töten", sagt das fünfte Gebot. "Selig, die keine Gewalt anwenden", verdeutlicht Jesus, "selig, die Frieden stiften". Es genügt nicht nur "nicht zu töten", es geht um die innerste Haltung des Herzens": "Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden."

 

Das siebte Gebot verbietet den Diebstahl. Jeder Mensch weiß in seinem Herzen, dass es nicht recht ist, dem anderen sein Eigentum zu entwenden. Unser Gewissen sagt uns das, wenn wir es nicht ganz abgestumpft haben. Aber Jesus geht weiter. Er nennt selig die, "die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit", denen es also im Herzen brennt, wenn sie Unrecht sehen, die nicht wegschauen, wenn die Gerechtigkeit verletzt wird. "Nicht stehlen" ist gut, besser noch ist es, sich mit ganzer Kraft für mehr Gerechtigkeit unter uns Menschen einzusetzen.

 

Das sechste Gebot verbietet den Ehebruch, und das neunte und zehnte richtet sich gegen "das Begehren", sei es der Frau des Nächsten, sei es seines Eigentums. Jesus aber ist "radikal", er geht an die Wurzel, aus der alles verquerte Verlangen stammt: "Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen".

Glücklich, selig wird, wer von der Wurzel her "gerade" geworden ist, wessen Herz heil und gut geraten ist. Wie unser Herz "saniert" werden kann, das zeigen die erste und die achte Seligpreisung: Arm sein vor Gott, das macht selig, führt zum Himmelreich. Und: lieber Unrecht erleiden als tun, ja mit Jesus Schimpf und Schande ertragen statt solches anderen anzutun! Wer mit Jesus auf diesem Weg geht, erfährt schon jetzt Freude und dann einmal "großen Lohn im Himmel".

 

Die "Heiligen", die die Kirche heute feiert, die vielen bekannten Heiligen und die noch viel zahlreicheren verborgenen, um die Gott allein weiß, sie sind aus dem "Stoff" dieser acht Seligpreisungen gemacht. Ihr guter Weg steht allen offen, auch uns.

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