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Weihnachten - kein Märchen

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 4. Advent,

23.12.2001 (Mt 1, 18-2)

 

23.12.2001
© kathbild.at/Rupprecht

So nüchtern wird das berichtet: Maria war mit Josef verlobt. Nach jüdischem Recht galten die Verlobten bereits als Mann und Frau, auch wenn sie noch nicht zusammenlebten. Genau in dieser Zeit vor der Hochzeit bemerkt Josef, dass Maria schwanger ist. Von ihm ist das Kind nicht. War seine Verlobte also untreu? Damals eine höchst ernste Sache: Die Todesstrafe durch Steinigung stand auf Ehebruch. Noch schwerer wog der Schmerz der vermeintlichen Untreue.

 

Aber Josef will sich nicht rächen, was er leicht hätte tun können, wenn er nur öffentlich gemacht hätte, dass sie nicht von ihm schwanger war. Doch Josef will sie nicht “bloßstellen”. Er will sie so entlassen, dass auf sie kein Schatten fällt - in aller Stille. Das Evangelium sagt, Josef sei “gerecht” gewesen, das heißt in biblischer Sprache: ein gerader Mensch, ohne Falschheit, ohne Rache, ohne nachtragend zu sein. Und ein Mensch, der ganz auf Gott schaut und vertraut.

 

Wir erahnen, welche Kämpfe sich im Herzen des Josef abgespielt haben. Weil er ein so gerader Mensch ist, kann er sich nicht vorstellen, dass seine Verlobte ihn betrogen hat. Und doch ist sie schwanger. In diese bohrenden Fragen hinein hat er einen Traum. Ein Gottesbote erscheint ihm, ein Engel, und sagt ihm, das Kind, das Maria erwarte, sei nicht von einem anderen, sondern von Gottes Heiligem Geist. Und Josef erwacht und vertraut und glaubt das menschlich Unglaubliche. Er glaubt, dass dieses Kind von Gott ist. Und er vertraut Maria.

 

Genau das tun die, die an die Weihnachtsgeschichte  glauben: Das Christkind ist Gottes Sohn, der Mensch geworden ist. Das Kind, das Maria in Bethlehems Stall zur Welt gebracht hat, ist wirklich wahrer Gott und wahrer Mensch, den der Engel “Emmanuel”, “Gott-mit-uns” genannt hat.

 

Josef war somit der Erste, der an Weihnachten geglaubt hat. Josef hat als Erster den Sprung gewagt, sich dem Großen zu öffnen, dass Gott in diesem Kind selber zu uns gekommen ist. Und er hat sich ganz darauf eingelassen, Maria und das Kind, das sie empfangen hatte, zu sich zu nehmen und ihm Vater zu sein.

 

Was mich am Hl. Josef beeindruckt, ist diese Bereitschaft, sich auf Gottes Überraschungen in seinem Leben einzulassen. Josef redet nie im Evangelium, immer tut er einfach, ohne viele Worte, was Gott ihm zumutet.

 

Wollen wir Weihnachten wirklich als das Fest des Glaubens feiern, dann ist es gut, auf Josefs Haltung zu schauen. Mit seinem geraden Herzen erfasst er, was für den menschlichen Verstand allein unfassbar ist: dass Gott sich so klein machen und ein Menschenkind werden kann, um als Mensch für uns Menschen da zu sein. “Jesus” ist der Name, den er dem Kind geben soll, das heißt: “Gott rettet”. Wäre es nicht so, dann wäre Weihnachten nicht mehr als ein schönes Märchen.

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