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Herodes oder Josef

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn, Sonntag, den 30.12.2001
(Mt 2, 13-15, 19-23)

 

30.12.2001
© Rupprecht@kathbild.at

Der Sonntag nach Weihnachten heißt auch “Fest der Heiligen Familie”. Es geht um diese drei, Josef, das Kind und seine Mutter. Und wie es ihnen ergeht, das haben sie mit Millionen Menschen unserer Tage gemeinsam. Wie viele haben bei uns die Heimatvertreibung erlebt, mussten in der Nacht aufstehen und fliehen, um ihr bloßes Leben zu retten! Von den  massenhaften Flüchtlingsströmen hören wir täglich, aus Afghanistan, dem Kongo, Sudan, um nur einige Länder zu nennen, und immer wieder Mütter mit Kindern, mit armseligem Hab und Gut, schutz- und wehrlos.

Diese kleine Familie auf der Flucht hat eine Besonderheit: Das Kind, das Josef mit seiner Mutter in Sicherheit bringen will, ist der Sohn Gottes und - so nennen ihn die Sterndeuter - “der neugeborene König der Juden”. Fliehen müssen sie vor Herodes dem Großen, dem mächtigen und brutalen König, dessen gewaltigen Bauten man heute noch im Heiligen Land auf Schritt und Tritt begegnet - nicht zuletzt den riesigen Steinquadern der “Klagemauer”, der westlichen Mauer des herodianischen Tempels in Jerusalem.

 

Ein ungleicher Kampf: der machtbesessene Herodes, der jeden Widerstand im Blut erstickt - und diese arme kleine Familie, deren Kind Herodes zu töten sucht. Der einzige Feind, den Herodes nicht umbringen lassen kann, ist sein eigener Tod, der Tag für Tag näher rückt, der unerbittlich nach seinem Leben trachtet und es ihm einmal nehmen wird, und damit alle seine Macht und Pracht. Aus Angst vor diesem Feind, dem unausweichlichen eigenen Tod, sucht er, dieses Kind zu töten, das ihm den Thron streitig machen könnte. Daher seine Panik, die ihn sogar zum Mord an allen männlichen Kindern dieses Alters rund um Bethlehem antreibt, wie er auch später seinen eigenen Sohn aus Angst vor seiner Rivalität ermorden ließ.

Was an Herodes so krass erscheint, steckt mehr oder weniger in jedem Menschenherzen: nur nicht daran denken, dass wir einmal gehen müssen! Leben, als wäre alles in unserer Macht!

 

Josef zeigt einen anderen Weg, und wer diesen Weg geht, braucht den Tod weder zu fürchten noch zu verdrängen. Josef hat sich und seine kleine Familie unter die führende Hand Gottes gestellt. Er hat das Kind, das nicht von ihm, sondern von Gott kam, angenommen, nicht als seinen Besitz, über den er verfügen kann, sondern als Aufgabe, die Gott ihm anvertraut hat. Sein ganzes Leben richtet sich nun nach diesem Auftrag. Nicht seine Selbstverwirklichung ist sein Lebensinhalt, sondern der Dienst an diesem Kind, das einmal der Erlöser aller Menschen sein soll.

 

Josef lässt sich von Gott führen, aber Gott zeigt ihm immer nur den nächsten Schritt, und diesen Schritt muss Josef dann selber tun, mutig, klug, entschieden. So flieht er, so kehrt er zurück mit dem Kind und der Mutter, so lässt er sich schließlich im kleinen, unbedeutenden Nazareth nieder.

 

Sich im Innersten von Gott führen lassen wie Josef, das erfordert ein Loslassen vom eigenen Willen und ein Einwilligen in Gottes Wegweisung. Dazu gehört das Vertrauen, dass Gott uns gute Wege führt, auch wenn sie schwer sind. Das Ende spricht dafür, dass es wirklich so ist. Das Hl. Josef gilt als Patron des guten Sterbens. Wer so lebt, braucht den Tod nicht zu fürchten, weil er sein Leben in Gottes Hand gegeben hat. Zwischen zwei Wegen haben wir zu wählen: Herodes oder Josef.

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