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Glücklich, aber nicht einfach

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 3.2.2002

Matthäus 5, 1-12a

03.02.2002
© kathbild.at/Rupprecht

Wer in Galiläa war, wird nie vergessen, welch wunderbarer Blick sich bietet, wenn man auf dem “Berg der Seligpreisungen” steht. Dort, auf dieser Anhöhe über dem See Genesareth, soll nach uralter Überlieferung Jesus die sogenannte “Bergpredigt” gehalten haben, deren Herzstück die “Seligpreisungen” sind, das heutige Sonntagsevangelium.

Die Landschaft bildet dort fast ein natürliches Amphitheater. So konnte Jesus gut und vernehmlich zu einer großen Menschenmenge reden. Was er da freilich sagt, ist höchst ungewöhnlich.

 

Jesus preist Menschen “selig”, also glücklich, die in Situationen leben, die wir spontan für gar nicht erfreulich halten. Wer wünscht sich schon das Armsein, und nicht vielmehr den großen Lottotreffer? Wer hat Freude am Trauern? Dass Friedfertigkeit gut ist, mag man einsehen, aber zumindest fällt sie uns schwer. Hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, das ist sicher eine gute Haltung, aber sie zeigt auch eine Not an, eben die Situationen von himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die einen hungrig nach Gerechtigkeit machen. Barmherzigkeit ist etwas Wunderbares, wenn sie uns geschenkt wird, aber wir wissen, wie schwer es ist, selber barmherzig zu sein. Auch Frieden stiften ist nicht etwas, das uns spontan gelingt, auch wenn es als etwas sehr Kostbares erfahren wird.

 

Am schwierigsten sind wohl die beiden letzten Seligpreisungen. Kann man sich darüber freuen, um der Gerechtigkeit willen verfolgt, oder gar um Jesu willen beschimpft, verfolgt, verleumdet zu werden? Wie kann Jesus solches “selig” preisen, was einem spontan ganz gegen den Strich geht?

 

Und doch ist es eigenartig: Viele Menschen empfinden es so, dass gerade von diesem Anfang der Bergpredigt, von den Seligpreisungen, eine anziehende Wirkung ausgeht, ein Trost, auch eine Faszination, die auch Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen spüren. Schon damals haben manche seiner Zuhörer gesagt: “Noch nie hat ein Mensch so gesprochen” (Johannes 7,46).

 

Viele verheißen Glück. Jede Werbung verspricht es. Jesus aber verheißt ein Glück, wo wir es spontan nicht suchen würden. Er verspricht ein unbeschreibliches, großes Glück. Er nennt es “Seligkeit”. Und er sagt nicht, dass es leicht und sofort und billig zu haben ist. Er sagt: “Euer Lohn im Himmel wird groß sein”. Ja, die Seligkeit ist uns verheißen, für “drüben”, wo alle Traurigkeit ein Ende haben wird, “droben im Himmel”.

 

Karl Marx und seine Anhänger haben diesem Trost den Vorwurf gemacht. Er sei “Opium des Volkes”, Betäubungsmittel, um es in dieser trostlosen Welt auszuhalten, Vertröstung der Armen, um im Diesseits nichts ändern zu müssen: Jetzt geht es euch schlecht, dann wird es euch gut gehen. Wartet also geduldig auf das bessere Jenseits!

 

Doch das hat Jesus gerade nicht gesagt. Er vertröstet nicht, sondern er verändert die Welt, weil er die Herzen verändert. Und das Glück, von dem er spricht, ist nicht erst für “drüben”.

 

So widerborstig die Seligpreisungen klingen, sie lösen doch auch ein Echo der Freude aus. Wir ahnen, wenn wir so leben würden, wie Jesus in diesen acht Worten zusammenfaßt, dann wäre das “Selig seid ihr”, schon jetzt Wirklichkeit.

 

Natürlich enthalten die Seligpreisungen Verheißungen für die Zukunft. Und warum sollte es schlecht sein, eine solche Perspektive der Hoffnung für das Leben nach dem Tod zu haben?

 

Doch gilt es auch schon jetzt, dass Gott den Trauernden Trost schenkt, dass er die Friedensstifter liebt, dass, wer barmherzig ist, auch Gottes Barmherzigkeit erfährt. Ein Leben nach der Regel der Bergpredigt - das wäre es, was glücklich macht. Und wer glaubt ernsthaft, dass der Weg zum Glück ein ganz leichter ist?

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