Nahe bei Jerusalem liegt Bethanien. Dort wohnten drei Geschwister, die für Jesus eine besondere Bedeutung hatten: Maria, Marta und Lazarus. In ihrem Haus ist Jesus öfters eingekehrt, bei ihnen war er offensichtlich gerne, fühlte sich geborgen. Aber darf man von Jesus so sprechen? Hatte er, der doch Gottes Sohn war, solche menschliche Bedürfnisse nach Wohlwollen und Wohlfühlen?
Gerade das bestätigt das heutige Evangelium. Hier tritt ganz offen zu Tage, dass Jesus diese drei Geschwister von Herzen mochte: “Seht, wie lieb er ihn hatte!”, sagen die Leute, als sie Jesus am Grab von Lazarus heftig weinen sahen. Eine einfache Beobachtung drängt sich auf: Jesus hatte Freunde. Er, der Sohn Gottes, ist wirklich und ganz Mensch geworden. Gerade in dieser letzten Zeit vor Ostern, als die Feindschaft gegen ihn immer offenkundiger wird und sein Tod sich schon abzeichnet, da waren ihm offensichtlich seine Freunde in Bethanien besonders wichtig.
Wir wissen aus den seither vergangenen 2.000 Jahren, dass viele Menschen die Erfahrung der Freundschaft Jesu gemacht haben, auch wenn er seit Ostern nicht mehr sichtbar zu Gast kommt. Das schlichte Tischgebet, das vielen vertraut ist: “Komm, Herr Jesus, und sei unser Gast ...” spricht ja auch diese Erfahrung an.
Warum dann aber wartet Jesus so lange zu, als man ihm die Nachricht bringt: “Dein Freund Lazarus ist krank”? Geht man nicht gleich hin, wenn ein Freund sterbenskrank ist? Warum tut er das den beiden Schwestern an, die ihn inständig bitten, schnell zu kommen?
Ich glaube, auch das ist eine Erfahrung, die viele Menschen ähnlich wie Maria und Marta machen. Man betet, man fleht Gott um Hilfe an, und die Antwort bleibt aus: “Wärest du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben”, sagt Marta, als Jesus endlich kommt – und alles zu spät ist. Ich kenne Menschen, die ihr Vertrauen in Gott verloren haben, weil trotz allen Betens ein lieber Mensch dann doch gestorben ist.
Natürlich ist es ein Trost zu glauben, dass es ein Leben nach dem Tod geben wird. Marta glaubt das, wenn sie sagt: “Ich weiß, dass mein Bruder einmal, am Jüngsten Tag, auferstehen wird”. Und natürlich wissen wir alle, dass wir einmal sterben müssen. Aber wie oft kommt der Tod zu früh!
Und dieser Tod des geliebten Bruders und Freundes Lazarus kam menschlich gesehen sicher viel zu früh. In Trauer und Schmerz hinein sagt Jesus ein Wort, an dem sich Marta und Maria und viele Menschen seither festhalten konnten, wenn das Leid übergroß wird: “Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.” Es gibt ein Leben, das auch den Tod nicht fürchten muss. Jesus sagt von sich, er sei dieses Leben. Wer sich an ihn hält, wer ihm vertraut, der sieht dem irdischen Lebensende nicht mit Panik entgegen, der fällt nicht durch das Tor des Todes in den Abgrund des Nichts, sondern tritt ins volle, ganze Leben ein.
Und damit wir vertrauen können, dass der Glaube an Jesus wirklich jetzt lebendig macht, ruft Jesus den Freund, der schon vier Tage lang tot ist, aus dem Grab heraus. Ich glaube fest, dass Jesus damals wirklich einen Toten, nicht einen Scheintoten, erweckt hat. Ähnliches ist seither oft und oft durch Heilige geschehen. Aber ich höre in diesem kräftigen "Lazarus, komm heraus" auch einen Ruf an mich, aus meinem Grab und meinen Fesseln heraus zu kommen.
So viele Ängste lasten wie ein Grabstein auf meinem Leben. Der Glaube hebt sie weg, löst die Binden und läßt mich wieder leben. Auch ich kann Lazarus sein, so einer, den Jesus herausruft und wieder lebendig macht.