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Die Tür zum Leben

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn für den 4. Sonntag der Osterzeit,
21. April 2002 (Joh. 10, 1-10)

21.04.2002
© kathbild.at/Rupprecht

Gut-Hirten-Sonntag wird der heutige vierte Sonntag in der Osterzeit genannt.

Jesus hat sich selber als den Guten Hirten bezeichnet. Als solchen hat ihn die christliche Kunst gerne dargestellt.

 

Es ist ein schönes, wohltuendes Bild: Der Hirte, der sich um seine Herde sorgt, sie vor Dieben und wilden Tieren schützt, der das verlorene Schaf auf der Schulter heimbringt aus der Gefahr.

 

In heutigen Abschnitt gebraucht Jesus aber noch ein anderes Bildwort. Er nennt sich selber die Tür zu den Schafen. Und er stellt klar: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hereingeht, ist ein Dieb und Räuber, der nicht hüten, sondern stehlen will. Er dringt in böser Absicht ein.

 

Dieses Gleichnis aus dem damals allen vertrauten ländlichen Leben bekommt freilich eine erschreckende Zuspitzung, wenn Jesus dann verdeutlicht: Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber!

 

Ist das nicht eine schlimme Anmaßung? Dass Jesus einfach alle, die sich nicht an ihn halten, so untolerant abqualifiziert? Kann das ohne Protest hingenommen werden? So wundert es nicht, dass es am Schluss heißt: “Wegen dieser Rede kam es unter den Juden zu einer Spaltung. Viele von ihnen sagten: Er ist von einem Dämon besessen und ist wahnsinnig. Warum hört ihr ihm zu? Andere sagten: So redet kein Besessener. Kann ein Dämon die Augen von Blinden öffnen?” (Joh 10, 19-20).

 

War Jesus intolerant? War er das, was man heute einen Fundamentalisten nennen würde? Oder gar ein religiöser Fanatiker, der sich selber maßlos überschätzt und andere verachtet hat? So haben ihn seine Gegner gesehen, und deshalb haben sie ihn verfolgt und schließlich umgebracht.

 

Oder ist das Gleichnis vom Hirten und der Tür so etwas wie ein Spiegel, in den zu schauen unangenehm ist, besonders für uns, die wir Hirten genannt werden und sein sollen (die Bischöfe, die Priester, aber auch alle, die Verantwortung für andere tragen)? Die Frage, die uns Jesus stellt, ist sehr einfach: Geht es euch um die anderen oder um euch selber? Wollt ihr euch selbst verwirklichen oder liegt euch zuerst am Wohl der euch Anvertrauten?

 

Und damit klar ist, wie ernst die Wahl ist, sagt er: Wer nur sich selber sucht, ist ein Dieb und ein Räuber. Wer in den eigenen Kindern nur seine eigenen Wünsche sucht, beraubt sie, hindert sie, sich entfalten zu können. Wer im Partner nur seine Selbstverwirklichung sucht, stiehlt ihm Lebensraum. Wer als Priester nur an seine Beliebtheit denkt, ist kein Hirte, sondern ein Dieb an den Herzen der Menschen. Er betrügt sie um ihr Vertrauen.

 

Mit Jesus haben Menschen andere Erfahrungen gemacht. Er kam nicht, um sich wichtig zu machen, sondern um Leben zu geben. Deshalb war sein Wort so anders als das viele Gerede von uns Menschen. Seine Stimme hat einen unverwechselbaren Klang. “Er ruft die Schafe beim Namen und sie folgen ihm”. Es ist die Stimme Gottes, die manchmal durch das Getöse unseres Alltags bis zu unserem Herzen vordringt. Und dann wissen wir: Diese Stimme sagt uns, wo es zum Leben geht. Und dann ist klar: Nur wenn wir durch diese Türe gehen, sind wir gerettet.

 

Jesus allein ist diese Tür, die Gott uns geöffnet hat, damit wir nicht irregehen.

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