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Der andere Tröster

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn für den  6. Sonntag der Osterzeit, 5.05.2002 (Joh 14, 15-21)

05.05.2002
© Rupprecht@kathbild.at

Pfingsten rückt näher. Nicht nur ein langes, verkehrsreiches Wochenende, für viele Zeit zum Ausspannen, sondern das Fest des Heiligen Geistes. Jesus kündet sein Kommen an, er verspricht, dass er “ein anderer Beistand” sein wird und nennt ihn “Geist der Wahrheit”. Aber wer ist er, dieser Unsichtbare, Unbekannte? Wer ist der Heilige Geist?

 

Jesus kann ich mir vorstellen. Ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge, wie er in Galiläa von Dorf zu Dorf geht, wie die Menschen sich um ihn drängen, wie er ins Boot steigt, oder alleine auf den Berg geht, um zu beten. Das alles kann ich erfassen, ich habe das Land gesehen, wo er gelebt hat, das Ufer des Sees von Genesareth; Jerusalem, wo er getötet wurde und wo das leere Grab zu sehen ist.

 

Aber den Heiligen Geist - wie soll ich ihn mir vorstellen? Jesus hat nicht versprochen, dass wir ihn sehen können, sehr wohl aber, dass er an seinen Wirkungen erkennbar ist. Zwei spricht Jesus heute im Evangelium an.

 

Zuerst nennt er ihn “einen anderen Beistand”. Das biblische Wort “paraklet” kann verschieden übersetzt werden: Helfer, Fürsprecher, Advokat, Tröster, Beistand. Alles das war Jesus für seine Freunde. Jetzt ist er nicht mehr sichtbar da. Aber er hat versprochen, dass er uns nicht alleine läßt, weil der andere Tröster bei uns bleiben wird. Woran erkenne ich, dass er da ist?

 

Den Heiligen Geist merke ich zum Beispiel, wenn in schweren Stunden plötzlich Trost ins Herz kommt, mehr noch, wenn ich selber die Kraft spüre, Trost und Beistand zu schenken, obwohl

ich selber leide. Das ist sicher der Heilige Geist, der solchen Trost schenkt.

Das sicherste Zeichen, dass er wirkt, ist aber zweifellos die Liebe. Wo sie ist, da ist sicher der Geist Jesu, besonders dort, wo sie Feindschaft überwindet, Brücken baut, Geduld aufbringt, Wunden heilt.

 

Ich begegne immer wieder Menschen, die ein feines und gutes Gespür für dieses Wirken des Heiligen Geistes entwickelt haben. Sie erleben ihn wie einen inneren Kompass, fast möchte ich sagen, wie einen Freund, der tröstet, rät, beisteht, der einfach immer da ist.

 

Jesus nennt ihn auch “Geist der Wahrheit”. Was ist Wahrheit?, hat Pilatus Jesus gefragt. Wer weiß schon, was Wahrheit ist? Aber Jesus sagt es sehr bestimmt: Der Heilige Geist wird euch in alle Wahrheit einführen. Es hilft wieder, zu schauen, was das biblische Wort für Wahrheit bedeutet. Es besagt Festigkeit, Zuverlässigkeit, Treue. Für die Bibel ist ein wahrer Mensch einer, der gerade, zuverlässig, nicht wankelmütig und launisch ist. Diesen Geist der Geradheit und Festigkeit verspricht Jesus. Wer sich von ihm leiten läßt, auf den kann man bauen, der wird für andere selber zum Trost und zum Halt, ein echter Beistand und Freund.

 

Zu solchen Menschen wurden die Apostel, die zuvor aus Angst alle davongelaufen waren. Jesus hat ihnen diese “Kraft von oben” versprochen, und man kann es ihrem Leben ansehen, dass sie tatsächlich zu mutigen, klaren, geraden Menschen wurden. Wie sehr brauchen wir heute solche “geist-volle” Menschen! Warum sollten wir nicht selber so werden?

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