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Barmherzigkeit will ich!

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn für den 10. Sonntag im Jahreskreis, 9.6.2002, Mt 9,9-13

09.06.2002
© Erwin Wodicka - wodicka@aon.at

Bilder aus dem Börsenalltag sind in den Medien immer wieder zu sehen: “Börsianer”, Makler, hektisch telefonierend, lautes Stimmengewirr, und alles dreht sich um Aktienkurse, Geldgewinne und Verluste. Nicht ganz so hektisch mag es an der Zollstelle zugegangen sein, an der unter anderen ein Jude namens Levi oder Matthäus arbeitete, sie lag nicht weit von Kafarnaum an der großen Handelsstraße, die aus dem Osten zum Mittelmeer führte.

 

Dort kommt Jesus vorbei. Sein Blick fällt auf Matthäus. Warum auf ihn, warum nicht auf einen anderen, alle anderen? Wir wissen es nicht. Es ist seine souveräne Freiheit. Aber Matthäus’ Leben ist von dem Moment an anders. Wer den Anruf Gottes in seinem Leben gespürt hat, kann das verstehen. Gott schaut nicht nur irgendwie von “da oben” so allgemein auf uns “da unten”, auf das wirre Gewimmel in unserer irdischen Welt. Es gibt Momente im Leben, da kommt Gott,  fast, möchte ich sagen, persönlich vorbei, schaut mich an, mich ganz persönlich, mitten in meinen Geschäften, im Wirbel meines Alltags, und spricht mich direkt an: Folge mir nach!

 

Für Matthäus war dies der entscheidende Einschnitt in seinem Leben. Kurz und bündig heißt es, er sei von seiner Zollstelle aufgestanden und Jesus gefolgt. Der das schreibt, ist ja er selber, der Apostel und spätere Evangelist Matthäus. Wie kein anderer weiß er, welche Veränderung die Begegnung mit Jesus in sein Leben gebracht hat.

 

Die frommen Leute sehen den Wandel in seinem Leben nicht sofort. So regen sie sich - nicht ganz unverständlich! - darüber auf, dass Jesus diesen Zöllner zu sich nach Hause einlädt und für ihn und seine Freunde ein Festessen veranstaltet. Tischgemeinschaft war damals ein starkes Zeichen der Anerkennung und Freundschaft. Wie kann euer Meister sich mit solchen üblen Leuten an einen Tisch setzen? Die Pharisäer waren ehrlich bemüht, ein anständiges und frommes Leben zu führen, und dafür haben sie oft schwere Opfer gebracht, auf manchen wirtschaftlichen Vorteil verzichtet. Es ist ja auch heute hart, sich im Alltag an die Gebote Gottes zu halten, im Geschäftsleben, bei der Steuer, in der Politik. Nur zu gut verständlich ist daher die Aufregung der Pharisäer.

 

Die Antwort Jesu ist einfach und klar, und doch verlangt sie ein enormes Umdenken: Die Kranken brauchen den Arzt. Wer ein Leben führt, wie dieser Matthäus, der ist seelisch krank, auch wenn er viel Geld verdient. Und Jesus will, dass er ein anderes Leben kennen lernt als nur möglichst viel Geld in der Tasche. Es ist gut, ein anständiges Leben zu führen, sehr gut sogar. Aber es darf nicht dazu führen, die anderen zu verachten.

Jesus will Barmherzigkeit, nicht Überheblichkeit. Denn wer von uns, auch wenn er noch so ordentlich lebt, wäre nicht auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen, und auch auf die der anderen?

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