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Ein Sämann ging auf’s Feld

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn für den 15. Sonntag im Jahreskreis,  14.7.2002, (Mt 13, 1-9)

14.07.2002
© Erwin Wodicka - wodicka@aon.at

Wer Ohren hat, der höre! Jesus hat vieles von dem, was er den Menschen sagen wollte, in Gleichnissen ausgedrückt. Denn Geschichten prägen sich besser dem Gedächtnis ein als abstrakte Lehren. Wer erinnert sich nicht an das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder an das vom barmherzigen Samariter?

 

Offensichtlich haben die Menschen Jesus gerne und lange zugehört, wenn er, wie im heutigen Evangelium, zu ihnen sprach und ihnen Gleichnisse erzählte. Jesus fesselte ihre Aufmerksamkeit nicht nur, weil er so spannend Geschichten erzählen konnte. In seinen Gleichnissen spricht er immer eine Entscheidung an, eine Veränderung im Leben seiner Zuhörer. Die Gleichnisse sollen das Herz treffen und die Bereitschaft wecken, umzudenken und umzukehren. Sie lassen nicht neutral. Sie machen anschaulich, was ich selber ändern soll und kann, und sie machen Mut, dass es auch gelingen kann. Denn die Gleichnisse Jesu sprechen  immer auch vom “Himmelreich”, das heißt davon, was Gott wirkt, wie er eingreift und hilft, wenn wir dafür wach sind.

 

Ein Sämann ging auf’s Feld, um zu säen. So beginnt die Geschichte. Alle Zuhörer wissen, wovon die Rede ist, wie damals gesät wurde und wie karg und arm die meisten Ackerböden im Heiligen Land waren. Aber der Sämann, von dem Jesus spricht, hat zwei Besonderheiten. Er sät verschwenderisch großzügig und wider alle landwirtschaftliche Vernunft auf alle Arten von Böden, auf den Weg, auf steinigen Grund, ins Dornengestrüpp. Was Wunder, dass dort die Saat schnell verkommt. Verwunderlich aber ist, dass der gute Ackerboden nicht, wie damals üblich, maximal das Zehnfache des ausgesäten Saatgutes erbringt, sondern unvorstellbaren dreißig-, sechzig-, ja hundertfachen Ertrag. Trotz aller Misserfolgs auf den schlechten Böden kommt im Ganzen doch eine “Superernte” über alles natürlich Mögliche hinaus zustande. 

 

Der Ackerboden sind wir. Der Sämann ist Christus, die Ertragschance schenkt Gott selber.

Jesus stellt mir direkt die entscheidende Frage: Wie sieht der Acker deines Lebens aus? Bist du für Gottes Wort so unerreichbar wie ein hartgetretener Weg, auf dem die Samenkörner liegenbleiben? Hat dein Lebensboden zu wenig Tiefe, sodass es wohl für eine schnelle Begeisterung reicht, aber wenn die Hitze des Tages kommt, mit ihren Mühen und Widerständen, dann fehlt es an der Ausdauer, am Durchhaltevermögen. Oder geht es dir wie dem dornenreichen, verwilderten Boden, wo das Unkraut die gute Saat überwuchert, weil alles andere, die Sorgen des Alltags, die Zerstreuungen, die eigenen Interessen, Gottes Wort und Wirken aus deinem Leben verdrängt haben?

 

Die Geschichte vom seltsamen Sämann ist ein Spiegel, den Jesus uns vorhält. Aber der nüchterne Blick in diesen Spiegel soll nicht entmutigen. Denn Gott kann den Boden meines Lebens verändern. Er kann ihn umackern, er kann meine Verhärtungen aufbrechen und mein von Unkraut überwuchertes Leben zur fruchtbaren Ackererde machen. Ich muss ihn nur wirken lassen, mich seinem Wort öffnen, bereit sein, dass er mein Leben umackert. Das kann schmerzlich sein. Aber nur so wird mein Leben fruchtbar. Und dazu ist Jesus gekommen: Ein Sämann ging aus, um zu säen ... .

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