Dieses Evangelium betrifft vor allem Menschen, die in hohen Ämtern und führenden Positionen sind, besonders in der Kirche, aber auch in der Politik und in anderen öffentlichen Stellungen. Es ist ein Evangelium, das mich als Bischof berührt. Es erschreckt und ermutigt zugleich. Es zeigt die Gefahren, die in Kirchenämtern lauern, und es zeigt einfache Wege, diese Gefahren zu meiden.
Wer viel zu predigen hat, muss besonders auf der Hut sein, dass zwischen Wort und Tat, zwischen Predigt und Leben nicht ein zu großer Unterscheid klafft. Wer viel zu lehren hat, muss scharf darauf achten, dass er selbst nicht von anderen verlangt, was er nicht zu halten bereit oder in der Lage ist.
Wer in einer Position ist, in der er viel gesehen und beachtet wird, ist in Gefahr, (daran Gefallen zu finden und) allmählich immer mehr Geschmack daran zu finden, überall im Vordergrund zu stehen, bei jedem Fest, bei jeder religiösen Feier und - so muss man heute ergänzen - in allen möglichen Medien.
Jesus kritisiert nicht, dass es Menschen gibt, die zu predigen, zu lehren beauftragt sind, auch nicht, dass es Ämter und Würden gibt, und dass diese mit gewissen Ehrenstellungen verbunden sind. Was er den “Schriftgelehrten und Pharisäern” vorwirft, ist die Suche nach Anerkennung, das Verlangen, gesehen zu werden, dass sich nach vorne drängen und die Gier nach Ehre und gutem Eindruck bei den andern.
In einem ganz armen Plantagendorf in Sri Lanka wurde ich mit unvorstellbaren Ehren empfangen. Tagelang war der erste Besuch eines Kardinals vorbereitet worden, Girlanden, der lange Weg fein und mühsam mit frischem Sand ausgelegt, Blumen, Musik, alles, was diese Armen aufbieten konnten. Als wir schließlich bei der Kirche - einem bescheidenen Bau - angelangt waren, flüsterte mir der Jesuitenpater, der seit vierzig Jahren dort arm unter seinen Pfarrkindern lebt, ins Ohr: “Glauben sie nicht, die Leute machten das alles wegen Christoph Schönborn. Sie tun es für Christus”.
Glaubt nicht, ihr seid wegen eures Amtes über die anderen erhoben: “Ihr seid alle Brüder!” Mehr als die Unterschiede in Ämtern und Würden zählt die Gemeinsamkeit von uns allen in Gott: “Nur einer ist euer Vater, der im Himmel”. Große und Kleine, Berühmte und Unbekannte: Alle sind wir Kinder des einen Vaters.
Wer das nicht vergisst, der wird auch in hohen und höchsten Positionen einfach und bescheiden bleiben. Er wird vor allem begreifen, dass nur einer wirklich groß ist, vor dem wir alle klein sind, vor dem alle unsere Unterschiede, die wir für so wichtig halten, nichtig sind.
Wer dies im Herzen bewahrt, wird ein hohes Amt nicht für sich missbrauchen, sondern als Dienst ansehen. Wirklich groß sind nur die Großen, die auch “ganz oben” Dienende bleiben, und so ihren Mitmenschen nahe sind. Als einen solchen erlebe ich unseren Papst, weshalb ich mich nicht scheue, ihn “Heiliger Vater” zu nennen. Wer so sehr ein Dienender ist, ist wirklich vielen Vater.