Der Advent beginnt mit dem selben Wort, mit dem das Kirchenjahr zu Ende ging: “Seid wachsam!” Das Kirchenjahr beginnt ja mit dem ersten Adventsonntag. Advent heißt Ankunft.
Adventszeit ist Wartezeit auf einen, der kommen soll. Christen warten auf das Kommen Christi. Das haben sie mit dem jüdischen Volk gemeinsam, das auch wartet und hofft, dass der Messias
(der “Gesalbte”, auf Griechisch der “Christus”) kommt. Christen glauben, dass der Messias bereits gekommen ist, Jesus von Nazareth. Deshalb mündet der Advent im Weihnachtsfest, dem Fest der Geburt Jesu in Bethlehem. Aber Christen warten auch auf die zweite Ankunft Christi, seine Wiederkunft “mit großer Macht und Herrlichkeit”, wie Jesus selber es verheißen hat. Wann diese geschehen wird, das wissen wir nicht, wir können es auch nicht berechnen, wir können nur wachsam darauf warten. Das verbindet die Christen mit dem jüdischen Volk: Beide warten auf den Messias, sein herrliches, befreiendes Kommen.
Die Juden glauben, sein Name sei noch unbekannt, die Christen glauben, dass Jesus, der Christus und Sohn Gottes, einmal wiederkommen wird. Beiden, Juden wie Christen, ist aber das hoffnungsvolle Warten gemeinsam.
Von diesem Warten spricht auch das kleine Gleichnis Jesu im heutigen Evangelium: Der Türsteher, der Pförtner oder Portier, muss warten, bis der “Chef” nach Hause kommt. Und da der Chef nicht gesagt hat, wann genau er heimkommt, muss der Pförtner so lange wach bleiben, bis er kommt, und wenn es erst zu Mitternacht und gar gegen Morgen ist.
Warten erfordert Wachsamkeit. Wer auf das grüne Licht der Ampel wartet, schaut genau hin, um gleich losfahren zu können. Wer am Fließband arbeitet, muss ständig genau überwachen, ob alle Vorgänge fehlerfrei ablaufen. Wer zu Hause auf Gäste wartet, hat die Ohren gespitzt, wann es läuten wird.
Unser heutiges Leben erfordert von den meisten Menschen viel Wachsamkeit. Im Straßenverkehr können schon sekundenkurze Unaufmerksamkeiten tödliche Folgen haben. So ist uns die Aufforderung Jesu nicht fremd: Seid wachsam!
Jesus meint aber wohl mehr als das Aufpassen im Verkehr und im Umgang mit der Technik. Es geht vor allem um die wache Aufmerksamkeit für den Nächsten. Es ist etwas Schönes, Menschen zu begegnen, die für andere aufmerksam sind, die auf andere eingehen können, die spüren, was sie bewegt, was sie brauchen. Wach durchs Leben gehen, das erfordert ein offenes Auge, ein bereites Herz, das nicht nur um sich selber kreist und nur sich selber sieht. Und nur so ein waches Leben ist auch wirklich spannend und bereichernd.
Der Advent will uns wach machen. Erstaunlich viele gehen in unserem Land in diesen Wochen frühmorgens in die sogenannten Rorate-Messen. Es tut gut, in früher Stunde wachend und betend zusammenzukommen.
Advent erinnert an das erste Kommen Jesu als Kind in Betlehem und an sein zweites Kommen am Ende der Zeit.
Doch liegt dazwischen noch ein drittes Kommen Jesu: Wenn er an die Türe meines Lebens klopft, heute, unscheinbar und leise, wenn er zu mir kommen will, unerwartet: Ob ich dann wach bin oder er mich schlafend antrifft? Und dieses stille Kommen kann jederzeit geschehen: durch einen Menschen, der mich braucht; durch das Gebet, in dem Gott mir zu Herzen spricht, durch eine Krankheit, die mich heimsucht; durch ein glückliches Ereignis, von dem ich ahne, dass es ein Geschenk Gottes ist.
Wachsein für dieses tägliche Kommen Gottes: Das ist ein geglückter Advent!