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Empfängnis - ein Fest

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 8. Dezember 2002  - 2. Adventssonntag (Lk. 1, 26-38)

08.12.2002
© Erwin Wodicka - BilderBox.com

Zwei Mal feiert die Kirche ein “Fest der Empfängnis”: am 25. März, neun Monate vor Weihnachten, die Empfängnis Jesu - davon spricht das heutige Evangelium - und am 8. Dezember, neun Monate vor Maria Geburt (8. September), die Empfängnis Mariens durch ihre Eltern Joachim und Anna.

 

Warum den Tag der Empfängnis feiern? Üblicherweise wird nur der Geburtstag, bei manchen auch der Namenstag gefeiert. Wer weiß um den Tag der eigenen Empfängnis?

 

Haben die Eltern gelegentlich davon gesprochen? Hat in einer vertraulichen Stunde die Mutter gesagt, wie das damals war, als mein Leben begann? Es redet sich nicht leicht über diese Dinge, sie gehören nicht auf den Marktplatz oder an den Stammtisch. Und doch ist es für jeden Menschen der Moment, da alles begonnen hat.

 

Im Augenblick der Empfängnis tritt ein neuer Mensch ins Dasein. Insgeheim tragen wir die Frage im Herzen, die wir vielleicht nie den Eltern zu stellen gewagt haben: Wie war das damals? War ich willkommen? Löste die Nachricht meiner Empfängnis Freude oder Schrecken aus, hätte meine Empfängnis eigentlich verhütet werden sollen und wurde dann doch angenommen, schließlich sogar mit Freude? Wäre es nicht wichtig und hilfreich für mein Leben, zu wissen, wann und wie es begonnen hat? Ist das nicht Grund zum Feiern? Denn der Glaube sagt mir: Selbst, wenn ich den Eltern nicht willkommen war, Gott hat von Anfang an zu mir Ja gesagt, und Sein Ja bleibt treu, auch wenn mein Leben noch so sehr durch Hochs und Tiefs geht.

 

Heute ist ein Fest der Empfängnis. Es heißt “Fest der unbefleckten Empfängnis”. Manches Missverständnis heftet sich an diesen Namen. Maria ist von ihren Eltern wie jedes Menschenkind gezeugt und empfangen worden. Die geschlechtliche Vereinigung, der wir unser Dasein verdanken, ist nicht etwas “Beflecktes”, eine Schande oder eine Sünde. Sonst hätte Gott nicht den Menschen als Mann und Frau geschaffen, füreinander und zur Weitergabe des Lebens.

 

“Unbefleckt” heißt vielmehr: Maria ist “ohne Erbsünde empfangen.”. Die Glaubenslehre der Kirche sagt: Jedem Menschen, und sei er erst neu geboren oder noch im Mutterschoß, fehlt etwas, haftet ein Mangel, ein Makel an:

 

Wir sind alle hineingeboren in eine Geschichte von Schuld und Sünde, in die wir uns selber in unserem Leben weiter verstricken und an der wir durch unsere Fehler mitwirken. Keiner kann sich alleine aus dieser Verwicklung herauslösen. Gott muss uns “ent-wickeln”, heraus befreien, auslösen aus diesem “G’wirx”. Maria hat er vom Moment ihrer Empfängnis davon freigehalten. Denn sie sollte ja ein ganz offener, freier Mensch sein, in dem das Böse nirgendwo Fuß fassen kann.

 

Als es dann in Gottes Plan soweit war, fand sich Maria offen und bereit, Mutter des Erlösers zu werden. Was auf sie zukam, war schwer: Schwanger werden, ohne, dass das Kind vom Verlobten war. Würde er glauben, dass es nicht von einem anderen, sondern vom Heiligen Geist war? Wie sollte das gehen? Im völligen Vertrauen auf Gott hat Maria dennoch Ja gesagt und so das Kind empfangen, das alle Menschen aus den Fesseln der Schuld befreien sollte.

 

Die Empfängnis Marias, die Empfängnis Jesu - zwei Feste. Ist nicht jede Empfängnis Grund zu feiern? Anfang einer Geschichte ohne Ende, weil Gott treu ist!

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