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Die Wüste blüht auf

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn für den 1. Fastensonntag,  9.3.2003, (Mk 1,12-15)

09.03.2003
© Erwin Wodicka - wodicka@aon.at

Knapper geht es nicht. Nur ganze drei Zeilen widmet der Evangelist Markus den vierzig Tagen Jesu in der Wüste. Sie sind ja das Vorbild für die vierzig Tage der Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch begonnen hat. Was hat Jesus mit seiner Wüstenzeit beabsichtigt? Wie hat er sie gelebt? Worin besteht das Vorbild, das die christliche Fastenzeit nachahmen will?

 

Die Auskunft des Markus ist so sparsam, dass eine Antwort auf diese Fragen schwer fällt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass diese wenigen Worte dicht mit Inhalt gefüllt sind.

 

Zuerst der Zeitpunkt: Eben hat sich Jesus von Johannes dem Täufer im Jordan taufen lassen. Jesus steht ganz am Anfang. Bisher hat er ein völlig unauffälliges Handwerkerleben geführt. Mit etwa dreißig Jahren bricht er plötzlich auf. Er geht zu Johannes, reiht sich einfach mitten unter die vielen Menschen ein, die kommen, um ihre Sünden zu bekennen und sich als Zeichen der Buße und des Neubeginns im Wasser untertauchen zu lassen. Jesus stellt sich von Anfang an mitten unter die Menschen. Dazu ist er gekommen. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder“, so wird er später seinen Auftrag erklären. Und genau das sind die Menschen, unter die sich Jesus am Jordan einreiht: Sünder, an Seele und Leib Kranke. Und seine Aufgabe sieht er darin, sie gesund zu machen.

 

Dazu helfen nicht Worte, bloße Reden. Jesus geht an die Wurzel des Übels heran. Dazu geht er in die Wüste, dorthin treibt ihn Gottes Geist.

 

Die Wüste ist hart zu bestehen. Das wusste das jüdische Volk aus der Erinnerung an die vierzig Jahre in der Wüste. Alle äußeren Hilfen fallen weg, keine Zerstreuung, kein Spaß. Stille und Einsamkeit. Vierzig Tage lang die Wüste alleine auszuhalten, das ist schon für sich eine harte Prüfung.

 

Aber Jesus wurde in dieser Zeit zudem „vom Satan in Versuchung geführt“. Zum äußeren Überlebenskampf kommt die innere Bedrängnis der Versuchung. Worin besteht sie? Heute denkt man meist gleich und nur an sexuelle Verlockungen. Es gibt sie, und der Kampf mit ihnen ist nicht leicht. Andere Versuchungen können tiefer gehen: Sinnlosigkeit und Verzweiflung, Prahlen und Herrschen wollen, und schließlich die radikalste Versuchung: sich von Gott abwenden.

 

Wie hat Jesus diese Versuchungen erlebt? Wir wissen es nicht. Aber er hat sie bestanden, nicht nur für sich, sondern auch für uns. Am Anfang steht sein Kampf gegen die Versuchung des Bösen. In diesen vierzig Tagen hat Jesus für uns gekämpft. Es war sozusagen ein Stellvertreterkampf. Er wollte uns nicht nur mit schönen Worten helfen, sondern unsere Kämpfe auf sich nehmen. Heilen und helfen kann er uns nur, wenn er weiß, „aus welchen Stoff wir sind“, wie anfällig wir sind, wie leicht der Versucher, Satan, es oft mit uns hat. Für uns hat Jesus diesen Kampf aufgenommen und hat dabei gesiegt.

 

Markus zeigt diesen Sieg an zwei Zeichen: Jesus lebt in der Wüste „bei den wilden Tieren“. Sie tun ihm nichts, zwischen ihnen herrscht Frieden, weil Er Frieden mit Gott hat. Von vielen Heiligen wissen wir, dass sie so mit der Tierwelt in Harmonie lebten. Und „die Engel dienten“ Jesus: noch ein Bild des Friedens, nicht nur mit der Tierwelt, sondern auch mit der Himmelswelt. Weil Jesus den Bösen und das Böse überwunden hat, geht Frieden von ihm aus. Die Wüste wird zum Paradies.

 

Dass in unsere Wüsten der Friede komme, das will Jesus, wenn er auffordert: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“.

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