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Tempelreinigung heute

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 3. Fastensonntag, 23.März 2003, (Joh. 2, 13-25)

23.03.2003
Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel. Detail aus dem größten Fastentuch der Welt von Sepp Jahn und Edith Hirsch. Dominikanerinnenkloster Kirchberg am Wechsel (NÖ)

© Foto: Franz Josef Rupprecht, A-7123 Mönchhof, 
Raiffeisenkasse Mönchhof, Konto
© Franz Josef Rupprecht
Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel. Detail aus dem größten Fastentuch der Welt von Sepp Jahn und Edith Hirsch. Dominikanerinnenkloster Kirchberg am Wechsel (NÖ) © Foto: Franz Josef Rupprecht, A-7123 Mönchhof, Raiffeisenkasse Mönchhof, Konto

An manchen Tagen kommt mir im Stephansdom das heutige Wort Jesu in den Sinn: „Macht das Haus Gottes nicht zu einer Markthalle!“ Wo ist das Gespür für die Heiligkeit dieses Ortes? Es wird laut geredet, manche kommen essend und trinkend herein und werden noch ausfällig, wenn ein Domwächter darauf hinweist, dass das hier fehl am Platz ist. In keiner Moschee wäre ein solches Benehmen denkbar.

 

Jesus hat den Tempel in Jerusalem innig geliebt. Schon als Neugeborener wurde er von Maria und Josef in den Tempel gebracht, und dann wohl immer wieder zu den häufigen Wallfahrten. Einmal blieb er dort, als Zwölfjähriger, und als die Eltern den Vermissten im Tempel wiederfanden, fragte er sie erstaunt: “Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?” Der Tempel war für ihn das Haus Seines Vaters, und darum wusste er sich dort zu Hause. Deshalb konnte er es auch nicht ertragen, dass daraus eine Markthalle, ja eine “Räuberhöhle” gemacht wurde.

 

Wenn es um Gott, um die Armen, um die Ehrlichkeit ging, konnte sich Jesus als gar nicht milde zeigen. In manchen Momenten packt ihn „heiliger Zorn“. Die Tempelreinigung ist so ein Fall. Dieses Evangelium wird in der Fastenzeit gelesen, weil es auch heute notwendig ist, darauf hinzuweisen, nicht nur im Stephansdom oder in anderen von Touristen viel besuchten Gotteshäusern, sondern vor allem in uns selber. Denn wir sind Gottes Tempel, und Jesu „heiliger Zorn“ entzündet sich an all dem Unrat, oder sich in uns angesammelt hat.

 

Und wie Jesus in Jerusalem eine Geißel verwendet hat, um das Markttreiben aus dem Tempel zu verjagen, so scheut er sich nicht, gelegentlich auch uns gegenüber handfeste Mittel zu ergreifen, weil er will, dass unser Leib und unsere Seele Gottes Wohnstatt sind und nicht zur Räuberhöhle verkommen.

 

Die Geißelstricke können etwa die Folgen unserer Fehler und Sünden sein, die wir zu erleiden haben. Sie sollen helfen, so manches Ungute aus unserem Leben zu vertreiben, damit wir wieder Wohnstatt Gottes werden.

 

Wie sehr wir diese Tempelreinigung brauchen, zeigt das letzte Wort des heutigen Evangeliums: Jesus „wusste, was im Menschen ist“. Er kennt uns, weiß, aus welchen Stoff wir sind und wie wenig wir es schaffen, aus eigener Kraft den Unrat aus unserem Leben zu entfernen. Deshalb nimmt er ja auch selber die Reinigung des Tempels in die Hand.

 

Sein Instrument dazu ist das Kreuz, das er für uns auf sich gewonnen hat: „Reißt diesen Tempel nieder“, sagt Jesus und meint dabei seinen Leib, der am Kreuz getötet wird. In drei Tagen werde er ihn wieder “aufbauen”, er wird vom Tod auferstehen.

 

Was das bedeutet, begriffen die Apostel erst, als es geschehen war. Und wir können es begreifen, wenn wir so manche Prüfungen in unserem Leben als Läuterungen annehmen. Jesus hat sie für uns getragen. Mit ihm gibt es eine Auferstehung, ein neues Leben. So geschieht noch heute “Tempelreinigung”.

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