Dort kreuzigten sie ihn. Ohne irgend eine Ausschmückung, ohne auch nur mit einem Wort das Grauenhafte dieses Geschehens zu beschreiben stellt Johannes die Tatsache hin: sie kreuzigten ihn. Wie kann das Menschenherz sich solche Grausamkeit ausdenken? Tausende wurden damals im ganzen römischen Reich durch Kreuzigung hingerichtet; Sklaven, Verbrecher, Aufständische, und einer unter ihnen war dieser Jesus aus Nazareth, der von sich sagte, er sei der König der Juden.
Was geht im Menschenherzen vor, dass es fähig ist, andere, die den Schmerz genauso spüren wie ich, dermaßen brutal zu Tode zu quälen? Wie dieser Tod vor sich ging kann man bis ins Einzelne genau an dem rätselhaften Tuch ablesen, das in Turin aufbewahrt wird. Geiselspuren, Nagelwunden, Blut am Kopf wohl von einen Dornenkranz, ein geschwollenes und zerschlagenes Gesicht, und schließlich ein breiter Blutausfluss aus einer tiefen Wunde im Brustkorb.
Die Tafel über dem Gekreuzigten sagte, wer er wirklich war: der König der Juden, der Verheißene, der Messias, Retter, Erlöser seines Volkes. Pilatus ließ es sich nicht nehmen, das zu schreiben. Wollte er die jüdischen Ankläger Jesu damit ärgern oder war er doch im Innersten von der Frage bewegt, ob Jesus wirklich der sei, der er sagte? Alte Legenden sagen, Pilatus sei sein Leben lang nicht mehr von dieser Frage losgekommen. Bis an sein Ende habe ihm dieser Angeklagte vor Augen gestanden, den er damals zum Tod verurteilt hatte, obwohl er im Gewissen wusste, dass er unschuldig war. Nie konnte er seine Worte, sein Schweigen und vor allem seinen Blick vergessen; diesen Blick ohne eine Spur von Verurteilung oder Verachtung, der doch ins Innerste der Seele eindrang, der ihn durch und durch erkannte: der Blick Jesu!
Dieser Blick hat auch Johannes getroffen und die Mutter Jesu, die das unbeschreibliche Leid aushielt, ihren Sohn am Kreuz angenagelt mit dem Tod ringen zu sehen. Jesus sorgt für beide, die Mutter soll seinen geliebten Johannes wie ihren Sohn annehmen, und er sie wie seine Mutter. Und so blieb es von diesem Moment an, der wie ein Testament Jesu war.
Im wörtlichen wie im bildlichen Sinn können wir sagen: Jesus schaut auf seine Mutter. Er sorgt für sie, und zugleich beauftragt er sie, auf seinen Lieblingsjünger zu schauen. Sie hat das wörtlich genommen und schaut seither auf alle Menschenkinder, für die ihr Sohn das qualvolle Sterben auf sich genommen hat. Und da Jesus für alle Menschen gestorben ist, schaut sie seither auf alle Menschen. Es tut gut, das zu wissen.