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Trotz allem Freund

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 6. Sonntag der Osterzeit, 25.05.2003  (Joh 15,9-17)

25.05.2003
© Rupprecht@kathbild.at

Nichts tut wohler als sich geliebt zu wissen. Kein materieller Wohlstand, keine noch so gute Gesundheit wiegen es auf, geliebt zu werden. Es entspricht unserem tiefsten menschlichen Bedürfnis, angenommen zu werden, zu spüren, dass ich für jemanden wichtig bin, bejaht und gewollt.

 

Unter keiner Sonne blühen wir schöner als unter der Sonne der Liebe. Und wo sie uns nicht bescheint, gehen wir ein wie Pflanzen ohne Sonnenschein.

 

Davon spricht Jesus im heutigen Evangelium. Er tut es wenige Stunden vor seiner Gefangennahme und seiner Hinrichtung am Kreuz. Er weiß, dass ihn fast alle in Kürze verlassen werden, und dennoch nennt er sie gerade jetzt Freunde. Von Freunden erwartet man Treue, besonders in der Not. Die Erfahrung zeigt freilich, dass gerade dann, wenn alles eng wird und es einem schlecht geht, die Freunde rar werden. Dann zeigt sich, wer wirklich ein Freund ist. Die Apostel haben sich nicht als Freunde Jesu erwiesen. Aus Angst um ihr eigenes Leben haben sie ihn im Stich gelassen.

 

Aber er ist ihnen treu geblieben. Er ist wirklich der gute Freund, trotz ihrer Feigheit. Es hat sie zutiefst bewegt, dass Jesus ihnen ihren Verrat verziehen hat, dass er ihnen nicht die Freundschaft aufgekündigt hat, wie wir es meistens tun, wenn Freunde uns in der Not hängen lassen. Es muss für sie etwas Unfassbares gewesen sein, dass er ihnen keine Vorwürfe machte, keine Abrechnung mit ihren Fehlern, als er ihnen nach seiner Auferstehung an Ostertag erschein.

 

Wenn wir in einer Freundschaft Untreue und Verrat erleben, verlangen wir meistens vom anderen genaue Rechenschaft, „Aufarbeitung der Vergangenheit“, Erklärung für das Fehlverhalten, Entschuldigungen, und erst dann sind wir (vielleicht) bereit, die Freundschaft wieder aufzunehmen. Jesus verhält sich anders. Er hat nicht nur seinen Freunden vorweg ihren Verrat verziehen, sondern etwas getan, was nur der beste und treueste Freund tun würde: Er hat sein Leben für seine Freunde hingegeben.

 

Wir bewundern zu Recht Menschen, die ihr Leben riskieren, um anderen das Leben zu retten. Wir schulden ihnen Dank und Anerkennung. Ich denke etwa an meine Tante, die nach dem Krieg unter Lebensgefahr das für mich rettende Medikament besorgt hat. Jesus hat selbst den Tod am Kreuz nicht gescheut, um uns zu erlösen. Davon spricht er heute im Evangelium. Er nennt den Grund für sein Verhalten: „So habe ich euch geliebt!“

 

Er verlangt nichts als Gegenleistung, er erwartet nur, dass wir einander lieben wie er es getan hat. Und er verspricht: wenn ihr in der Liebe bleibt, dann werdet ihr große Freude erfahren. Dann wird euer Leben nicht unfruchtbar verlaufen. Dann werdet ihr andere Menschen zum Blühen bringen. Dann wird man gerne bei und mit euch sein.

 

Im Grunde ist es ganz einfach, so einfach, wie Jesus es sagt: Liebt einander! Und doch wissen wir, dass es gar nicht leicht ist, zu lieben, wenn man nicht Gegenliebe erfährt; zu verzeihen, wenn Undank uns begegnet. Genau das hat Jesus mit seinen Freunden erlebt, und er hat uns vorgelebt, wie es aussieht, trotz allem Freund zu bleiben, eben ein wirklicher Freund!

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