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Kennen wir einander?

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 14. Sonntag im Jahreskreis, 7.7.2003 (Mk 6,1b-6)

07.07.2003
© www.BilderBox.com

Enttäuschung über zu Hause! Fast dreißig Jahre hat Jesus in Nazareth gelebt, dem Dorf in Galiläa, das damals weder wichtig noch bekannt war. Dort war er aufgewachsen, hat wohl die Synagogenschule besucht, das Handwerk seines Vaters erlernt und ausgeübt. Dort lebte seine Verwandtschaft, seine "Brüder und Schwestern“, wie sie nach jüdischem Brauch genannt werden.

 

Dreißig Jahre alt war Jesus etwa, als er plötzlich aufbrach, hinunterzog zum See Genesareth, nach Kapharnaum, an der großen Handelsstraße gelegen, die vom Osten zum Mittelmeer führte. Schnell war er berühmt geworden. Sein Wort fesselte die Menschen, mehr vielleicht noch seine Wunder, die vielen Heilungen von Kranken aller Art.

 

Und jetzt kam er zum ersten Mal wieder heim nach Nazareth. Natürlich hatte sich herumgesprochen, dass der Zimmermann, der Sohn der Maria, in aller Munde war, überall war die Rede von ihm. Neugier ist die erste Reaktion der Leute in seinem Dorf, als er am Samstag, am Sabbat, nun auch bei ihnen öffentlich zu reden beginnt. Sie staunen über ihn, doch schnell schlägt die Stimmung um. Kritik wird laut: Wir wissen doch, wer er ist. Wir kennen ihn doch von klein auf. Für wen hält er sich eigentlich? Er ist einer von uns, um nichts besser als wir! Wie kommt er dazu uns, seinen Landsleuten, zu predigen?

 

Diese Ablehnung verwundert und schmerzt Jesus. Wer wünscht sich nicht, gerade daheim anerkannt zu werden? Statt dessen Eifersucht und Unverständnis. Jesus hat damals etwas gesagt, das bis heute ein Sprichwort geblieben ist: Ein Prophet gilt nichts in seiner Heimat! Wie oft hat sich das schmerzlich bewahrheitet. Die eigenen Leute meinen einen besonders gut zu kennen – und wissen oft so wenig über den anderen.

 

Die Familie kann ganz schön tyrannisch sein: keiner darf ausscheren, anders sein, eigene Wege gehen. Anfangs war es auch bei der Verwandtschaft Jesu so. Sie hielten ihn zuerst für verrückt und wollten ihn mit Gewalt wieder zurückholen, so berichtet Markus. Später hat sich das geändert. Jakobus, einer der vier hier genannten „Brüder Jesu“ wurde sogar das Oberhaupt der jungen Kirche von Jerusalem. Erst allmählich haben sie erkannt, wer Jesus wirklich war, den sie von Kindheit an zu kennen meinten, weil er mit ihnen aufgewachsen war und weil er doch einer der ihren war.

 

Ich glaube, vor allem zwei Dinge zeigt die enttäuschende Erfahrung von Nazareth. Das erste gilt für Jesus allein. Wie sollten seine Dorfgenossen und seine Verwandten erkennen, dass dieses Kind, das da mitten unter ihnen aufwuchs, ein solch großes Geheimnis in sich trägt, dass er Gottes menschgewordener Sohn ist? Zu unscheinbar war der Alltag in Nazareth. Bis heute ist es ein wenig so: Gottes Gegenwart mitten unter uns ist oft sehr verborgen, leicht zu übersehen. Denn Christus ist auch heute im „Alltagsgewand“ bei uns, und nur die Augen des Glaubens nehmen ihn wahr.

 

Das zweite betrifft uns alle: Wie leicht täuschen wir uns über unsere Allernächsten. Jeder Mensch hat sein Geheimnis, seine ungeahnten Qualitäten. Oft sind es Außenstehende, Fremde, die sie besser wahrnehmen als die eigene Familie, die glaubt, schon alles zu kennen. Wie schön, wenn wir neu entdecken, welche Schätze im anderen zu finden sind!

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