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Das Brot der Liebe

Evangelienkommentar von Kardinal Schönborn zum 18. Sonntag im Jahreskreis, 3.8.2003 (Joh 6,24-35)

03.08.2003
© kathbild.at/Rupprecht

Brot wegwerfen – das ist mir bis heute unmöglich. Wer in der Kindheit gelernt hat, dass Brot kostbar ist, dass man Brot einfach nicht wegwirft, der bringt das auch später nicht über sich. Es ist und bleibt schockierend zu sehen, welche Mengen an Brot und allgemein an Lebensmitteln in unserer heutigen Gesellschaft einfach weggeworfen und vernichtet werden. Darauf kann kein Segen liegen.

 

Jesus ließ nach der wunderbaren Brotvermehrung, als er mit nur fünf Broten eine Menge von über 5.000 Menschen sättigte, die Brotreste einsammeln, und das ergab zwölf volle Körbe. Was damit geschah sagt das Evangelium nicht. Sicher aber dürfen wir annehmen: weggeworfen wurden sie nicht. Dazu war Brot einfach zu kostbar.

 

Jetzt aber spricht Jesus von einem noch kostbareren Brot. Zurück in Kapharnaum, wo Jesus damals seinen Wohnsitz hatte, suchen ihn die Leute. Was zog sie an? Sein Ruf als Wundertäter? Oder doch noch etwas Tieferes? Nicht nur Brot für den leiblichen Hunger, sondern Nahrung für den Hunger der Seele?

 

Es gibt diesen anderen Hunger, und Jesus hat ihn oft angesprochen, etwa wenn er sagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund hervorgeht.“ Heute fordert er auf, wir sollten uns nicht nur um die verderbliche Speise bemühen, sondern um die, die für das ewige Leben bleibt.

 

Seine Zuhörer begreifen oder ahnen, dass diese nachhaltige Speise, die nicht nur den Leib, sondern auch die Seele stärkt, etwas mit dem Willen Gottes zu tun hat. Nur ein Leben im Einklang mit Gott kann den tiefen Hunger der Seele stillen. Und so fragen sie ihn: Was müssen wir tun, damit unser Leben mit Gott übereinstimmt?

 

Die Antwort ist überraschend: Den Hunger der Seele stillt allein der Glauben. Nicht irgendein Glaube, etwa an die Macht der Sterne, an ein blindes Schicksal, an verborgene Kräfte, sondern der persönliche Glauben an Jesus Christus.

 

Verständlich, dass seine Zuhörer das anfangs nicht verstehen. Dass der Glaube an Gott die Seele stärken und trösten kann, das haben viele Menschen selber in ihrem Leben erfahren. Aber an Jesus zu glauben, der doch ein Mensch ist, das fällt schwer. So verlangen sie ein Zeichen, einen Beweis, dass sie an Jesus glauben sollen. Sie wollen wissen, wieso sie ihm vertrauen sollen. Zu Recht wollen sie nicht blindlings glauben. Das wäre ja leichtsinnig.

 

Wieder ist die Antwort Jesu überraschend: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Damit sagt doch Jesus: Von mir könnt ihr leben. Wer mich in sein Leben hineinnimmt, der wird feststellen, dass ich den Hunger und den Durst der Seele ganz und gar stillen kann.

 

Jesus sagt von sich, er sei das wahre Brot, das Gott den Menschen schenkt. Viele können das bestätigen, weil sie es in ihrem Leben erfahren haben. Sie können bezeugen, was Jesus versprochen hat: „Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern.“ Sie haben bei Jesus gefunden, wonach das Herz am Tiefsten verlangt: sich geliebt zu wissen, sich nicht verurteilt zu fühlen, angenommen zu sein, vertrauen zu können. Sie haben bei Jesus das Lebenswichtigste gefunden: das Brot der Liebe.

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